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2015/12/17 12:35:00 GMT+1

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Starker Franken: Jede Abschwächung hilft hiesigen Firmen

Starker Franken: Jede Abschwächung hilft hiesigen Firmen

Der Schweizer Franken ist stark überbewertet, die Betroffenheit der Firmen sehr unterschiedlich. Peter Dietrich, Direktor von Swissmem, erklärt im Interview, wie dieser Umstand den Strukturwandel in der Industrie beschleunigt.

Von einer De-Industrialisierung will Peter Dietrich nicht sprechen. Für eine starke Wirtschaft brauche es Risikokapital zu attraktiven Bedingungen, ein Fortbestehen der bilateralen Verträge und keine neuen finanziellen Belastungen und Regulierungen für Unternehmen.

insight: Was bedeutet der starke Franken für Ihre Mitglieder?

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Peter Dietrich, Direktor, Swissmem

Peter Dietrich: Die Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) exportieren rund 80 Prozent ihrer Güter. Davon gehen fast 60 Prozent in die EU. Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses wurden die Produkte der MEM-Firmen in der EU von einer Minute auf die andere um rund 20 Prozent teurer. Der massiv überbewertete Schweizer Franken ist somit primär ein gewichtiger Wettbewerbsnachteil im wichtigsten Absatzmarkt.

Welche Unterschiede in der Betroffenheit Ihrer Mitglieder stellen Sie fest?

Unternehmen, die ihre Wertschöpfungskette international breit aufgestellt haben, können die Währungsrisiken besser diversifizieren und sind dadurch weniger exponiert. Das sind in der Regel mittlere und grosse Unternehmen. Wenige Probleme haben auch Betriebe, welche mit ihrem Produkt ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im Markt haben und dadurch höhere Preise durchsetzen können. Stark betroffen sind diejenigen kleinen Unternehmen, deren gesamte Kosten in der Schweiz anfallen und die den Grossteil ihrer Produkte in die EU exportieren.

Wo liegt beim Wechselkurs die Schmerzgrenze und wieso?

Da die Betroffenheit sehr unterschiedlich ist, gibt es keine allgemeingültige Schmerzgrenze. Fakt ist einzig, dass der Franken massiv überbewertet ist und dass jede Abschwächung den Firmen hilft.

Was unternehmen Ihre Mitglieder, um die schwierige Situation abzufedern?

Die MEM-Betriebe haben nach dem 15. Januar 2015 schnell gehandelt. Mehr als zwei Drittel der MEM-Firmen senkten im ersten Halbjahr 2015 die Preise, um Auftragsverluste in Grenzen zu halten. Zur Steigerung der Produktivität erhöhten viele Betriebe die Arbeitszeit. Die Firmen haben auch umgehend Massnahmen zur Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung in die Wege geleitet. Die meisten Betriebe hatten aber viele dieser Potenziale nach dem ersten Frankenschock zwischen 2011 und 2014 bereits ausgeschöpft. Deshalb rücken Themen wie „natürliches Hedging“ und „low cost Produktionsstandorte“ vermehrt ins Zentrum.

Man hört häufig, dass es in der Schweiz zu einer De-Industrialisierung komme. Wie sehen Sie das?

De-Industrialisierung ist ein grosses Wort und evoziert ein Bild des Unterganges der Industrie in der Schweiz. Das ist realitätsfremd. Allerdings wirft die anhaltende Frankenstärke vermehrt die Frage auf, welche industriellen Tätigkeiten in der Schweiz noch wirtschaftlich erbracht werden können. Das hat einen beschleunigten Strukturwandel in der Industrie ausgelöst, der Spuren hinterlassen wird. Die Industrie in der Schweiz wird sich verändern. Aber es wird nicht zu einer De-Industrialisierung kommen.

Was sind Ihre Forderungen an die SNB und die Politik?

Ich erwarte, dass die SNB alle ihre Instrumente sinnvoll einsetzt, um den Schweizer Franken zu schwächen und Richtung Kaufkraftparität zu bringen. Die Politik muss alles daran setzten, um die bilateralen Verträge zu sichern, mittels Freihandelsabkommen einen erleichterten Zugang zu Wachstumsmärkten wie beispielsweise den USA oder Indien zu schaffen sowie den liberalen Arbeitsmarkt zu bewahren. Insbesondere muss aber endlich Schluss sein mit immer neuen finanziellen Belastungen und Regulierungen für die Unternehmen.

Und welche Forderungen haben Sie an die Finanzakteure?

Frankenstärke hin oder her: Die Industrie hat eine Zukunft in der Schweiz. Damit sie diese Zukunft gestalten kann, braucht sie Risikokapital zu attraktiven Bedingungen. Die Schweizer Industrie hat es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, sich dank ihrer hohen Innovationskraft aus schwierigen Situationen zu befreien. Wir erwarten, dass die Finanzakteure diese Fähigkeit auch in Zukunft adäquat unterstützen. Für eine erfolgreiche Schweiz ist eine ausgewogene Durchmischung der Volkswirtschaft zwingende Voraussetzung.

Wie sieht in Ihren Augen der Werkplatz Schweiz in fünf oder zehn Jahren aus?

Die Industrie wird sich verändern. Die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette verspricht grosse Produktivitätssteigerungen. Sie ermöglicht neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Zudem wird sie dazu führen, dass die Unternehmen viel schneller und gezielter auf sich veränderte Kundenwünsche reagieren können.

Wie beeinflusst die aktuelle Frankenstärke Ihre Vision der "Industrie 4.0"?

Ich denke, dass durch die Frankenstärke die Konzepte rund um den Begriff "Industrie 4.0" viel schneller im Unternehmensalltag Einzug halten werden. Sie bieten die Chance, neue Wettbewerbsvorteile aufzubauen, die uns im weltweiten Konkurrenzkampf längere Spiesse verschaffen werden.