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2014/12/17 12:30:00 GMT+1

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„Direkter Austausch schafft Vertrauen.” Michael Schoch im Interview

„Direkter Austausch schafft Vertrauen.” Michael Schoch im Interview

Wird es in Zukunft noch mehr Regulierungen geben? Was ist von der Forderung des Financial Stability Boards nach noch grösseren Kapitalpuffern zu halten und wo liegen die Grenzen der prinzipienbasierten Regulierung? Michael Schoch, Leiter Geschäftsbereich Banken der FINMA, nimmt im Interview Stellung.

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Herr Schoch, was waren Ihre Schwerpunkte, seit Sie im Juli 2014 die Leitung übernommen haben?

Neben der generellen Aufsichtstätigkeit, die natürlich den Kern unserer Arbeit ausmacht, band die Begleitung einiger auch öffentlich stark wahrgenommener Sonderfälle wie der Konkurs der Espirito Santo, die erforderlichen Verfahren wegen Verstössen gegen US-Sanktionen bei BNP oder US-Steuernormen im Fall der Credit Suisse, oder zuletzt das inakzeptable Geschäftsverhalten im UBS-Devisenhandel viele unserer Ressourcen.

Zudem waren für mich die vielen neuen Kontakte mit Bankenvertretern zentral. In Folge meiner Wahl zum Leiter des Geschäftsbereichs Banken war ich automatisch viel stärker als in meiner vorherigen Funktion als Leiter der Abteilung Risikomanagement in die regelmässigen Aufsichtsgespräche mit den Beaufsichtigten involviert. Ich hatte so die Gelegenheit innert kurzer Zeit mit Vertretern von über 50 Banken zu sprechen. Dieser direkte Austausch ist mir sehr wichtig, da er hilft eine persönliche Vertrauensbasis zu schaffen.

Schliesslich habe ich mich auch stark im internationalen Austausch mit ausländischen Regulatoren engagiert, sei es im Rahmen der Diskussionen zur Reformagenda des Basler Ausschusses, oder in persönlichen Gesprächen zum Aufbau der immer wichtiger werdenden grenzüberschreitenden Beziehungen.

Welche Herausforderungen werden das nächste Jahr prägen?

Wenn Sie den Schweizerischen Bankenplatz ansprechen, dann stellen sich Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen: Für die Grossbanken bleibt die zügige Umsetzung der TBTF-Bestimmungen eine Priorität. Die Banken stehen vor der Aufgabe, die angekündigten Anpassungen in der Unternehmensstruktur zu implementieren, mit der Gründung einer eigenständigen (und damit einfacher separierbaren) Schweizer Tochtergesellschaft (NewCo). Dazu kommen andere Massnahmen, um die Abwicklungsfähigkeit zu verbessern.

Für die inlandorientierten Banken sehe ich weiterhin die Kredit- und Zinsänderungsrisiken als wesentliche Herausforderungen, denen wir uns im Rahmen der Aufsicht auch in Zukunft intensiv widmen werden müssen, nicht zuletzt aufgrund des anhaltenden Tiefzinsumfeldes. Bei den Vermögensverwaltungsbanken schliesslich wird die Begleitung des Steuerstreits mit den USA weit vorne auf unserer Agenda bleiben. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass Banken zusätzlich mit anderen Nationen Steuerfragen klären müssen. Wir begleiten zudem die im Rahmen der aktuellen Konsolidierung auftretenden Marktaustritte. Kurz: Es gibt sicher auch 2015 genug zu tun.

Wo sehen Sie Potential bei der Zusammenarbeit zwischen der FINMA und der SBVg?

Zwischen FINMA und der SBVg findet bereits heute auf verschiedenen Ebenen ein reger Austausch statt. Dies werte ich per se schon einmal positiv. Dass dieser Dialog nicht immer einfach ist, kann vor dem Hintergrund der oft unterschiedlichen Interessenslage nicht überraschen. Der Entscheid, gemeinsame Expertengremien für gewisse Themen einzuführen, hat aus meiner Sicht gutes Potenzial, um den wichtigen strategischen Dialog zu intensivieren. Aber es wird auch in Zukunft Themen geben, bei denen der grösste Branchenverband der Banken eine andere Position einnehmen wird als die Aufsichtsbehörde. Das liegt in der Natur der Sache.

Wie stehen Sie den Forderungen des Financial Stability Boards nach noch grösseren Kapitalpuffern gegenüber?

Wir unterstützen die Einführung des sogenannten „Total Loss Absorbing Capital“ (TLAC)-Konzepts. Die zur Verfügung stehenden Mittel zur Stabilisierung bzw. Abwicklung einer Bank im Krisenfall erhöhen sich durch die TLAC-Anforderung und sichern eine angemessene Verlusttragfähigkeit im Abwicklungsfall. Zudem fügt sich das TLAC-Konzept sehr gut in die schweizerischen Kapitalanforderungen für systemrelevante Banken ein. Mit TLAC werden die bereits bestehenden Kapitalanforderungen in Säule 1 durch einen Anteil an bail-in-fähigem Fremdkapital ergänzt. So soll sichergestellt werden, dass zum Abwicklungszeitpunkt ausreichend Kapital zur Rekapitalisierung verfügbar ist. Dies dient dem Ziel, den grösstmöglichen Schutz des Steuerzahlers zu gewährleisten, ohne dass zusätzlicher Kapitalaufbau notwendig ist.

Besteht Ihres Erachtens die Gefahr einer Situation der internationalen Überregulierung?

Ohne Zweifel wurden in den letzten Jahren aufgrund der Krisenerfahrung viele Regulierungsprojekte im Rahmen der globalen Reformagenda in Angriff genommen und teilweise auch bereits erfolgreich umgesetzt. Dies geschieht koordiniert auf internationaler Ebene um Konsistenz zu gewährleisten. Es handelt sich hierbei um notwendige Massnahmen, wie z.B. die TBTF-Bestimmungen oder Basel III. Erwähnenswert erscheint mir hierbei, dass die Regulierung in der Schweiz traditionell prinzipienbasiert und daher weniger detailliert und umfangreich ist als im Ausland. Da für einen Marktzugang ein Mindestmass an internationaler Äquivalenz der Regulierung nötig ist, und zudem internationale Gremien verstärkt überprüfen, ob die einzelnen Länder die internationalen Standards auch wirklich umsetzen, sind einer prinzipienbasierten Regulierung jedoch gewisse Grenzen gesetzt.

Auch die aktuell viel diskutierte Verbesserung des Kundenschutzes, und damit die Einführung von angemessenen Verhaltensregeln als Konsequenz der Erfahrungen der Finanzkrise, ist prinzipiell zu begrüssen. Hier setzen wir uns für eine intelligente, schlanke und – soweit möglich – prinzipienbasierte Regulierung ein.

Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass kleinere und mittlere Banken den Regulierungsaufwand und die damit verbundenen Kosten nicht tragen können?

Jede neue Regulierung verursacht Kosten. Das ist unvermeidbar und sollte deshalb im Regulierungsprozess berücksichtigt werden. Wo dies Sinn macht, wird im Schweizer Regulierungsrahmen auch das Prinzip der Proportionalität angewendet. Denken Sie an die Bestimmungen zum Eigenkapitalpuffer, zur Liquidität oder zu den operationellen Risiken. Hier haben kleine Banken weniger strenge Anforderungen zu erfüllen als grosse und komplexe Institute. Es gibt aber auch Regulierungsbereiche, in welchen eine differenzierte Regulierungen wenig Sinn macht. Es wäre beispielsweise nicht eingängig, warum ein kleines Institut weniger weitgehende Sorgfaltspflichten im Umgang mit Kunden berücksichtigen sollte wie eine grössere Bank. Was am Ende zählt, ist, dass eine Bank eine klare Strategie und ein funktionierendes Geschäftsmodell hat, für ein sich änderndes und ohne Zweifel nicht einfacher werdendes Umfeld. Ich bin überzeugt, es wird auch in Zukunft kleine Banken geben, Nischenplayer mit einem cleveren Geschäftsmodell. Und für diese werden die Kosten für den Regulierungsaufwand weiterhin keine unlösbaren Probleme darstellen.