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26. September 2019

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Nachhaltiges Anlegen – Priorität und Potential für den Finanzplatz

Nachhaltiges Anlegen – Priorität und Potential für den Finanzplatz

In der nachhaltigen Finanzwirtschaft spielt der Schweizer Finanzplatz bereits heute eine führende Rolle. Auch für die Anleger wird Nachhaltigkeit immer wichtiger. Die Schweiz hat die Möglichkeit, zu einem weltweit führenden Hub für Sustainable Finance zu werden.

Das klassische Bankgeschäft ist seit jeher eine der zentralen Industrien der Welt und für eine Volkswirtschaft unverzichtbar. Finanzintermediäre halten den wirtschaftlichen Kreislauf in Gang und prägen ihn mit. Banken haben einen entsprechend grossen Einfluss auf die Verwendung von Geldern. Via Kreditvergabe und Investitionen in verschiedene Wirtschaftssektoren lenken sie deren Entwicklung und Nachhaltigkeitswirkung mit. Gerade in der Schweiz hat der Bankensektor massgeblich zum gesellschaftlichen Wohlstand und zum Wirtschaftswachstum beigetragen.

Das Finanzwesen spielt aber auch eine Schlüsselrolle, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen. Die Europäische Kommission schätzt, dass zum Beispiel im Bereich klimaverträglicher Infrastruktur gemäss den Zielen der Europäischen Union (EU) noch eine Investitionslücke von circa 180 Mrd. Euro pro Jahr besteht. Aus Artikel 2.1c des Pariser Abkommens folgt die Aufforderung in völkerrechtlich verbindlichem Rahmen, alle Finanzflüsse mit den Klimazielen in Einklang zu bringen. Dieses Umlenken hat zwei Dimensionen: Kapitalflüsse an Klimaverträglichkeit zu binden und verstärkt privatwirtschaftliche Investitionen und Finanzierungen für den Klimaschutz zu mobilisieren. Das impliziert auch, all jene Finanzflüsse, die nicht mit den Zielen von Paris in Einklang stehen, systematisch abzubauen.

Ursprüngliche Reduktionsziele werden angepasst

Der Bundesrat will die Klimapolitik der Schweiz an einer globalen Erwärmungsgrenze von 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit ausrichten. Nach einer Analyse des Sonderberichts des IPCC (Weltklimarat) hat der Bundesrat kürzlich festgestellt, dass das unter dem Übereinkommen von Paris angekündigte indikative Verminderungsziel der Treibhausgasemissionen für das Jahr 2050 nicht konform ist mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aus diesem Grund hat er nach vorgängiger Analyse am 28. August 2019 beschlossen, bis 2050 ein Netto-Null-Ziel anzustreben.

Klimarisiken sind auch wirtschaftliche Risiken. Deshalb ist Nachhaltigkeit für Finanzmarktakteure nicht nur eine ethische, sondern auch eine ökonomische und existenzielle Frage. In der nachhaltigen Finanzwirtschaft spielt der Schweizer Finanzplatz mit seiner grossen Diversität der Akteure und seiner technischen Kompetenz bereits heute eine führende Rolle. Auch für die Anleger wird Nachhaltigkeit immer wichtiger. Das Thema hat bei der SBVg strategische Priorität, denn die Schweiz hat das Potential, zu einem weltweit führenden Hub für Sustainable Finance zu werden. Der Verwaltungsrat der SBVg hat in seiner jüngsten Sitzung seine Position zu Sustainable Finance beschlossen und in einem Positionspapier festgehalten.

"In der nachhaltigen Finanzwirtschaft spielt der Schweizer Finanzplatz mit seiner grossen Diversität der Akteure und seiner technischen Kompetenz bereits heute eine führende Rolle."

Es braucht eine Kombination von Massnahmen, damit das ambitiöse Ziel, ein führender Hub für nachhaltiges Anlegen zu werden, erreicht werden kann. Einerseits wollen die Banken selbst Leitlinien für Finanzintermediäre entwickeln, also Empfehlungen, wie Nachhaltigkeitskriterien in Produkte, Dienstleistungen und Beratungsprozesse eingebunden werden können. Andererseits soll über die Beseitigung von Wettbewerbsnachteilen bei der Ausgabe von nachhaltigen Finanzprodukten für die Kunden ein zusätzlicher Anreiz geschaffen werden. Bei bestehenden Vorschriften, zum Beispiel für Pensionskassen, sollen negative Anreizstrukturen durch zeitgemässe Bestimmungen ersetzt werden.

Die Schweizer Finanzwirtschaft kann aber ihren vielschichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit nur leisten, wenn die vorhandene Expertise aus der Schweiz heraus exportiert werden kann. Daher müssen die Exportfähigkeit gestärkt und der Marktzugang gewährleistet werden. Isolierte Bestrebungen sind nicht wirkungsvoll, weshalb die Schweiz die internationalen Entwicklungen in einem koordinierten Ansatz miteinbeziehen muss.

Richtungsweisende EU-Richtlinie für Pensionskassen

In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick in die EU. Fast parallel zum EU Action Plan on Sustainable Finance wurde im Dezember 2016 die EU-Richtlinie über die Tätigkeiten und Beaufsichtigung von Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV) erlassen. Es handelt sich um Mindestvorschriften, welche die Länder der europäischen Union bis zum Januar 2019 umzusetzen hatten. Bereits die EbAV-Richtlinie aus dem Jahr 2003 schrieb gewisse Mindeststandards vor. Neu wurden Governance- und Informationspflichten eingeführt und dabei insbesondere die Pflicht, regelmässig eine eigene Risikobeurteilung vorzunehmen und zu dokumentieren. Die Sicherstellung eines soliden Risikomanagements erfolgt prinzipienbasiert gemäss dem «Prudent Person Principle»1 . Dieses verlangt, dass bei Risikoanalysen auch ökologische, soziale Faktoren und solche zur guten Unternehmensführung (kurz ESG-Kriterien) berücksichtigt werden müssen. Es besteht hingegen keine Verpflichtung, diese ESG-Faktoren in der Vermögensanlage auch zu berücksichtigen.

"Isolierte Bestrebungen sind nicht wirkungsvoll, weshalb die Schweiz die internationalen Entwicklungen in einem koordinierten Ansatz mit einbeziehen muss."

Mit der Überarbeitung der EbAV II-Richtlinie will die EU sicherstellen, dass die Vorsorgeeinrichtungen im Rahmen ihres Risikomanagements ein angemessenes Mass an Investitionsfreiheit haben. Dafür werden in allen Mitgliedstaaten quantitative Obergrenzen für Anlageklassen abgeschafft, was aus Schweizer Sicht als geradezu visionär erscheint. Die Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei Anlageentscheiden ist in der Schweiz (auf freiwilliger Basis) vermehrt ebenfalls zu beobachten. Diese Berücksichtigung ist aber nicht explizit ein integraler Bestandteil der Sorgfaltspflichten der verantwortlichen Organe. Solche Entwicklungen sollten auch für die Schweiz mit ihrem Reformstau in der Vorsorge Signalwirkung haben.

Die Bewältigung der sozialen und ökologischen Herausforderungen setzt umfangreiche Finanzmittel voraus, welche die Möglichkeiten von Staaten übersteigen. Die Banken als bedeutendste Verwalter der globalen Vermögen sind gefordert und bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Die SBVg wird sich für einen schnell umsetzbaren und der Sache verpflichteten Katalog von aufeinander abgestimmten Massnahmen einsetzen.


1 auf die Vermögensanlagen bezogen sprechen wir von "Prudent Investor Rule"