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2019/09/26 01:00:00 GMT+2

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"Es gibt aus meiner Sicht eine grosse Schnittmenge"

"Es gibt aus meiner Sicht eine grosse Schnittmenge"

Jan Blöchliger, Geschäftsleitungsmitglied der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht und Leiter des Geschäftsbereichs Banken, über die Rolle der FINMA, die Zusammenarbeit mit den Banken und den Blick nach vorne.

Jan Blöchliger
Jan Blöchliger - FINMA Leiter des Geschäftsbereichs Banken
Sie sind nun seit einem guten Jahr Mitglied der Geschäftsleitung der FINMA und Leiter des Geschäftsbereichs Banken: Welches waren in dieser Phase Ihre grössten Herausforderungen?

Eine echte Krise gab es zum Glück noch nicht. Bei der Aufsicht über rund 300 Banken und Effektenhändler sowie diversen Bewilligungsverfahren brennt es aber immer irgendwo. Die Herausforderung war vor allem genereller Art: Rasch einarbeiten, um entscheidungsfähig zu sein. Denn die eigene Organisation und auch die Beaufsichtigten brauchen laufend gewisse Entscheide. Hier möchte man natürlich nicht blockieren.

In den rund 10 Jahren seit der Finanzkrise hat ein substantieller Regulierungsschub stattgefunden: Welches waren in Ihrer Wahrnehmung die wichtigsten Verbesserungen?

Aus der letzten Krise haben die Staaten und Aufsichtsbehörden tatsächlich einige Lehren gezogen und weltweit substanzielle Verbesserungen in Regulierung und Aufsicht von Banken erreicht, v.a. im Bereich Kapital- und Liquiditätsvorschriften. Dieser Vorgang ist zwar weit fortgeschritten, aber wie z.B. bei den finalen Basel III-Standards noch nicht vollständig umgesetzt. Dies gilt auch für die Abwicklungsfähigkeit von systemrelevanten Banken in einem Krisenfall: Diese wurde deutlich verbessert und die fünf betroffenen Banken in der Schweiz haben bereits sehr grosse Fortschritte erzielt. Damit wir die Ziele beim "too-big-to-fail"-Problem in der Schweiz aber wirklich erreichen, braucht es noch einen weiteren Effort.

Die Beurteilung des schweizerischen Bankensystems in wenigen Sätzen ist natürlich eine Zumutung: Trotzdem, in welchem Zustand befinden sich in Ihren Augen die Banken in der Schweiz?

Die Banken befinden sich, gemessen an Kapital und Profitabilität, insgesamt in einem guten Zustand. Dies ist nicht selbstverständlich, wenn man sich das herausfordernde Umfeld der letzten paar Jahre vor Augen hält: Starker Franken, Negativzinsen, Wegfall alter grenzüberschreitender Geschäftsmodelle, die auf dem steuerlichen Bankgeheimnis basierten, notwendige Investitionen in Digitalisierung, Konkurrenz von Neobanken, neue regulatorische Anforderungen als Lehre aus der Krise. Das ist Einiges. Klar ist auch: In einer Bank-Population von mehreren hundert Instituten gibt es immer einzelne negative Ausreisser. Trotzdem: Die Momentaufnahme ist doch recht positiv.

Und der Ausblick?

Wenn ich nun nach vorne blicke, dann trüben natürlich vor allem das andauernde Tiefzinsumfeld aber auch hohe politische Unsicherheiten, ich denke z.B. an den EU-Marktzugang, die Aussichten. Es gibt Fragezeichen: Funktionieren die heutigen Geschäftsmodelle nachhaltig weiter? Wird man den Herausforderungen längerfristig mit Kosteneinsparungen und Effizienzgewinnen allein begegnen können? Was sind neue Ertragsquellen?

"Bei der vorherrschenden Zinssituation kann es zudem zu Fehlallokation von Krediten, falschen Anreizen und damit Blasenbildungen in verschiedenen Märkten kommen."

Bei der vorherrschenden Zinssituation kann es zudem zu Fehlallokation von Krediten, falschen Anreizen und damit Blasenbildungen in verschiedenen Märkten kommen. So eine Situation und die Frage, aus welcher Ecke die nächste Krise kommen wird, ist nicht nur für die Branche, sondern auch für Aufsichtsbehörden sehr anspruchsvoll.

FINMA und SBVg haben in den vergangenen Monaten intensiv am neuen Regime für Kleinbanken gearbeitet, das per Anfang des nächsten Jahres in Kraft treten soll: Wie sieht diesbezüglich Ihre Bilanz aus, wo sehen Sie Stärken und Schwächen des neuen Ansatzes?

Das Ziel dieses von der FINMA 2017 lancierten Regimes ist es, für Kleinbanken der Kategorie 4 und 5 unnötige administrative Belastungen zu reduzieren und gleichzeitig die Stabilität und das Sicherheitsniveau für Gläubiger und Kunden zu erhalten. Sehr positiv war, dass wir es geschafft haben, die Idee im engen Austausch mit der Branche zu entwickeln und rasch zu konkretisieren. Viele Länder denken nun über solche Ansätze nach. Mit dem bereits laufenden Pilotbetrieb ist die Schweiz hier aber weltweit führend. Klar, am Ende muss sich das neue Regime in der Praxis noch bewähren, da bin ich aber zuversichtlich.

Eines der wichtigsten bevorstehenden Regulierungsprojekte ist die Umsetzung von «Basel III Final» in der Schweiz: Wo erwarten Sie diesbezüglich die grössten Diskussionen mit den Banken?

Wie angetönt sehe ich hierin einen für den Finanzplatz noch wichtigen ausstehenden Meilenstein der Nachkrisenreformen. Die Sitzungen der nationalen Arbeitsgruppe mit Behörden und Branche starten nun. Ich habe schon meine Vermutungen, bei welchen Punkten es etwas hitziger werden könnte. Aber ich will hier die Spannung nicht vorwegnehmen…

Bekanntlich haben sich Behörden und Banken bezüglich «Basel III Final» darauf geeinigt, für die schweizerische Umsetzung auch die Implementierung auf relevanten Vergleichsfinanzplätzen zu berücksichtigen: Wie stellen Sie das sicher bzw. mit welchen Instrumenten verfolgt die FINMA die Entwicklungen im Ausland?

Wir beobachten die Entwicklungen sehr eng und pflegen natürlich auch Kontakte in internationalen Arbeitsgruppen wie zum Beispiel im Financial Stability Board (FSB) oder im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht. Auch mit dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) stehen wir laufend in engem Kontakt. Generell mache ich mir aber keine Sorgen, dass wir bei diesem Thema irgendwo zu früh sein könnten. Derzeit sehe ich eher die Gefahr des Gegenteils. Für unseren exportorientierten Finanzplatz wäre es aber kein Vorteil, wenn die Schweiz bei der internationalen Reformumsetzung den Anschluss an die wichtigen Finanzzentren verlieren würde. Dies insbesondere für den Grossteil unserer Finanzinstitute, die auf Marktzugang im Ausland angewiesen sind.

Fintech, Crypto, Cloud und Cyber: Wie geht die FINMA mit neuen Technologien, Business-Modellen und Risiken um, welche Regulierungs-Strategie verfolgen Sie für die «neuen Welten»?

Wir verfolgen einen technologieneutralen Ansatz. Wir wollen weder die etablierten noch die neuen Geschäftsmodelle bevorzugen oder benachteiligen. Ob digital oder analog, es müssen überall dieselben Regeln für dieselben Risiken gelten, insbesondere auch bei der Geldwäschereibekämpfung. Unnötige Hürden möchten wir abbauen. Ein Beispiel für eine Anpassung im Bankenbereich: Die Online-Identifikation ist neu nicht mehr nur physisch, sondern eben auch online möglich.

"Unnötige Hürden möchten wir abbauen."

Zudem hat die Schweiz eine Sandbox und mit der "Fintech-Lizenz" eine Bewilligung etabliert, die Start-ups einen vereinfachten Zugang zu Publikumseinlagen ermöglicht. So kann sich Innovation in einem klar abgesteckten und gesicherten Bereich entwickeln. Vor Kurzem haben wir zudem die ersten zwei sog. Crypto Banken in der Schweiz bewilligt. Mit den Chancen der Digitalisierung kommen aber auch Risiken. Das Cyber-Risiko zum Beispiel schätzen wir derzeit als grösstes operationelles Risiko für die Institute ein. Deshalb werden wir unsere Aufsichtstätigkeit in den Bereichen Cyber, IT- und Outscourcing in den kommenden Jahren ausbauen.

Auch die FINMA ist mit rasanten internationalen Entwicklungen und einer intensiven regulierungspolitischen Diskussion konfrontiert: Wo sehen Sie für die nächsten fünf Jahre die Prioritäten Ihrer Tätigkeit, was haben die Banken zu erwarten?

Sofern keine neue Krise dazwischenkommt neigt sich der Regulierungszyklus dem Ende zu. Die FINMA wird in der Folge wieder weniger in Regulierungsprojekte involviert sein. Entgegen einer teilweise vorherrschenden Meinung entspricht dies auch viel stärker unserem Kernmandat, das klar in der Aufsichtstätigkeit liegt. Man nennt uns zwar gerne "den Regulator", reguliert wird in der Schweiz aber zur Hauptsache von Parlament und Bundesrat.

Vermutlich hat auch der Chef der Bankenaufsicht der FINMA manchmal Zukunftssorgen: What could keep you awake at night?

Ich schlafe zum Glück meistens gut in der Nacht. Aber klar, jeder macht sich mal Sorgen über die Zukunft, sei es beruflich oder privat. Zu meinem Job gehört es ja insbesondere auch in Stress-Szenarien zu denken. Manche davon würden sicher zu kürzeren Nächten führen, wenn sie denn mal eintreffen sollten.

Wenn Sie sich von der SBVg einen Wunsch erfüllen lassen könnten: Was würden Sie sich wünschen?

Wunschlos glücklich sind wir natürlich nicht immer in allen Dossiers, die wir gemeinsam bearbeiten. Aber das ist ok, die SVBg und die FINMA haben verschiedene Mandate und Prioritäten. Insofern wird es auch immer eine gewisse Reibungsfläche geben in unseren Interaktionen. Solange gute Kompromisse möglich bleiben, schadet das nicht. Es gibt aus meiner Sicht auch eine grosse Schnittmenge: Wir sind interessiert an sicheren und profitablen Banken, die einen guten Ruf geniessen. Im Gegenzug hoffe ich, dass die SBVg auch an einer starken, unabhängigen und glaubwürdigen Finanzmarktaufsicht interessiert bleibt, denn ohne diese gibt es auf Dauer keinen prosperierenden Finanzplatz mit internationaler Strahlkraft.