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26. September 2019

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«Negativzinsen sind eine schwere Last für die Schweizer Wirtschaft»

«Negativzinsen sind eine schwere Last für die Schweizer Wirtschaft»

Martin Hess, SBVg-Chefökonom, über die Folgen der Negativzinsen für die Wirtschaft, die Auswirkungen auf die Kleinsparer und die Vorsorgesysteme sowie die Banken in der Schweiz.

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Martin Hess, SBVg-Chefökonom
Herr Hess, ein Ende der Negativzinsen in der Schweiz ist nicht in Sicht. Sind die Negativzinsen heute noch berechtigt?

Martin Hess: Die Negativzinsen mögen nach der Aufhebung der Euro-Untergrenze im Januar 2015 ihre Berechtigung gehabt haben. Heute verursachen sie eindeutig mehr Kosten als Nutzen. Negativzinsen verpuffen wirkungslos, doch sie signalisieren eine andauernde Krisensituation, obwohl die Preisstabilität gegeben ist und die Wirtschaft gut läuft. Breite Teile der von der früheren Überbewertung betroffenen Exportwirtschaft sind erfolgreich unterwegs. Die SNB betrachtet den Franken seit längerem nicht mehr als überbewertet. Sparer, Pensionskassen und Banken haben mit den Negativzinsen trotzdem eine schwere Last zu schultern.

Wie äussert sich dies konkret?

Zuerst sind die zwei Milliarden Franken zu nennen, welche die SNB im vergangenen Jahr an Negativzinsen eingezogen hat. Dies beeinträchtigt auch die Jahresergebnisse der Banken stark. Zudem verringert sich die Marge im Zinsdifferenzgeschäft zusehends. Mit der Erhöhung der Freibeträge am 19. September wird die SNB die direkte Belastung der Banken zwar reduzieren, die Negativzinsen sind jedoch weiterhin ein Kostenfaktor. Die erhöhten Freibeträge können sich sogar als Kuckucksei erweisen, denn sie erweitern den Spielraum für zukünftige Zinssenkungen.

Wie reagieren die Banken auf diese Belastung?

Ich möchte daran erinnern, dass die Banken die Negativzinsen nicht auf breiter Front weitergeben, obschon dies ein Gebot der Ökonomie wäre. Es ist im Prinzip eine Umverteilung der Substanz von Sparern und Banken an die Exportwirtschaft. Abhängig von der zukünftigen Geldpolitik könnte der Zeitpunkt kommen, an dem die Banken nicht mehr darum herumkommen, die Negativzinsen weiterzugeben.

Was sind die Gefahren der  Negativzinsen?

Die Probleme sind vielschichtig: Die Preise steigen in fast allen Anlageklassen. Negativzinsen werden als Krisenzeichen gewertet. Unternehmen sind daher vorsichtig mit Investitionen. Zugleich besteht die Gefahr, dass unrentable Unternehmen im Tiefzinsumfeld künstlich am Leben gehalten werden. Diese Strukturerhaltung ist nicht im Sinne der Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit.

Und die Folgen für die Sparer und Vorsorgesysteme?

Wir machen uns grosse Sorgen um den Sparer von heute und den Rentner von morgen. Am Ende des Jahres hat ein Kleinsparer mit einem unverzinsten Konto wegen Gebühren und Teuerung weniger übrig als am Anfang des Jahres. Just in diese Zeit fällt aufgrund der Sorge um die zukünftige Rente eine erhöhte Sparneigung. Normalerweise nimmt bei tiefen Zinsen die Konsumneigung zu. Dieses Beispiel zeigt, wie stark die Wirtschaft aus den Fugen ist. Wollen Kleinsparer die Nullzinsen umgehen, besteht die Gefahr, dass sie aufgrund der Renditeerwartung Risiken auf sich nehmen, die sie nicht tragen können. Die Negativzinsen treffen die Schweizer Bürgerinnen und Bürger auch ganz direkt in ihrer Altersvorsorge. Dies bestätigt ein Blick in den jährlichen Auszug der Vorsorgeinstitution. Der Umwandlungssatz kennt nur eine Richtung.

Was erwarten Sie von der SNB?

Es ist nicht an mir, der SNB gute Ratschläge zu geben. Rückblickend bin ich einfach erstaunt, wie lange Negativzinsen als Faktum akzeptiert wurden, ohne dass eine strukturierte Diskussion in der Öffentlichkeit über Kosten und Nutzen stattfand. Ich erwarte, dass dies in Zukunft viel mehr der Fall sein wird, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa.