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2018/09/27 08:40:00 GMT+2

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Kleinbanken-Regime: Work in progress

Kleinbanken-Regime: Work in progress

Es bewegt sich was! Auf dem Weg hin zu einer differenzierten Regulierung der Kleinbanken gibt es aber noch viele kleine Zwischenschritte zu bewältigen. Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg, und Markus Staub, Leiter Prudenzielle Regulierung bei der SBVg, schildern im Doppelinterview Erfahrungen und Erwartungen bezüglich Regulierung der Kleinbanken.

insight: Frau Wildi, wie präsentieren sich die Anforderungen der heutigen Bankenregulierung aus Sicht einer Kleinbank?

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Marianne Wildi (MW): Sie sind erstens stark geprägt vom Geist des Basler Komitees, das systemrelevante bzw. international tätige Banken im Visier hält. Zweitens haben wir in der Schweiz eine Überdosis Vorsichtsmassnahmen gegenüber nicht-systemrelevanten Banken. Die Institute wurden lange nicht genügend differenziert behandelt und zu wenig nach Grösse und Risiko-Exponierung unterschieden. Es besteht also ein Potenzial für die Anwendung des Proportionalitätsprinzips, ohne damit gleich das Ziel aus den Augen zu verlieren, die Mängel in der Finanzmarktregulierung beheben zu wollen.

In welchen Bereichen ist die Belastung besonders hoch?

MW: Eigentlich sind die grossen Änderungen bereits umgesetzt. Das betrifft beispielsweise die Liquidity Coverage Ratio (LCR) oder die Net Stable Funding Ratio (NSFR) (Reporting erfolgt noch vor der rechtlichen Verankerung) hinsichtlich der Liquidität. Aber auch betreffend den erweiterten Beobachtungskennzahlen wurden Änderungen umgesetzt. Allfällige Anpassungen der bestehenden IT-Infrastruktur kosten dann häufig mehr als die erwarteten tieferen Betriebskosten. Trotzdem lohnt es sich, nicht nur die Effizienz, sondern auch die Effektivität der Regulierung regelmässig zu prüfen. Im Dialog mit der FINMA konnten erste Vereinfachungen für kleinere Institute erwirkt werden, wie z.B. im Rundschreiben «Risikoverteilung – Banken». Und zurzeit stehen Anpassungen in den Bereichen Offenlegung (Berichterstattung erstmals per Ende 2018) sowie Messung und Überwachung der Zinsrisiken an, wo das Proportionalitätsprinzip kürzlich verankert werden konnte. Entscheidend ist nun, dass die Verhältnismässigkeit auch bei der noch anstehenden Umsetzung von Basel III Final (Kreditrisiken, Marktrisiken, operationelle Risiken sofern für Kleinbanken relevant) gewahrt wird.

insight: Herr Staub, wie beurteilt die SBVg die Initiative der FINMA zur regulatorischen Entlastung der Kleinbanken?

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Markus Staub (MS): Insgesamt ist diese Initiative aus unserer Sicht sehr willkommen. Regulatorische Entlastungen für Kleinbanken sind dringend notwendig und sollen den entsprechenden Instituten eine markante Reduktion von Aufwand und Kosten ermöglichen. Auch aus einer Risikoperspektive sind solche Entlastungen gut zu begründen. Allerdings sind wir aus unserer Sicht noch nicht am Ziel. Es muss in der aktuellen Phase nun darum gehen, sowohl bei den Zutrittskriterien für das Kleinbanken-Regime als auch bei den Inhalten der regulatorischen Entlastungen noch deutliche Verbesserungen zu erzielen.

Was erhoffen sich die Kleinbanken konkret aus dem Projekt der FINMA?

MW: In erster Linie regulatorische Vereinfachungen, z.B. die Fokussierung auf wenige, aber aussagekräftige Kennzahlen und die Beschränkung des aufgeblähten Berichtswesens aufs Wesentliche. Im Prüfwesen soll der Verwaltungsrat wieder mehr Eigenverantwortung erhalten, d.h. das staatlich verordnete Prüfwesen soll sich auf praxisrelevante Bereiche konzentrieren und die interne Revision an Gewicht gewinnen. Kleinbanken sind nicht mit systemrelevanten Grossbanken zu vergleichen!

Wie engagiert sich die SBVg in diesem Thema, wo liegen die Prioritäten?

MS: Wir setzen uns bereits seit vielen Monaten für ein gutes und überzeugendes Regime für Kleinbanken ein. Auch in den kommenden Monaten werden diese Aktivitäten eine Priorität unserer Vereinigung bleiben. Dabei sind wir auf verschiedenen Ebenen im direkten Kontakt mit der FINMA, dem EFD und der SNB, wir bündeln die Interessen unserer Mitglieder und bringen diese in die Diskussion ein. Eine spezielle Arbeitsgruppe mit CEOs und Spezialisten aus Kleinbanken unterstützt uns dabei wirkungsvoll.

Welche Ergebnisse erwarten Sie aus Kleinbankensicht vom laufenden Pilotversuch der FINMA?

MW: Erstens: Konkrete Erfahrungen für die Behörden, dass sich das Prinzip «regulatorische Vereinfachungen bei Übererfüllung von Schwellenwerten» lohnt! Zweitens: Vertrauensgewinn für die kleinen Banken dank Zuwachs an Eigenverantwortung!

Was lässt sich zum laufenden Pilotversuch der FINMA sagen?

MS: Konkrete Ergebnisse liegen natürlich noch nicht vor, der Pilot ist erst vor einigen Wochen gestartet worden. Hingegen erachten wir die Durchführung eines solchen Versuchs mit einer repräsentativen Stichprobe von Banken als richtig und wichtig. Zielsetzung muss sein, wesentliche Erkenntnisse im Hinblick auf das Design des späteren, definitiven Regimes zu gewinnen. Wir werden diese Pilotphase weiterhin eng begleiten.

Wie sieht die weitere Planung aus, wie geht es weiter?

MS: Im Moment, voraussichtlich bis Anfang 2019, läuft die Pilotphase mit rund 70 Banken. Parallel dazu sind wir mit der FINMA in einem intensiven Dialog bezüglich zusätzlicher Entlastungen, insbesondere im Bereich qualitativer Anforderungen, deren Umsetzung für Kleinbanken mit hohen Kosten verbunden sind. Beispiele sind die Bereiche Corporate Governance, Operationelle Risiken und Outsourcing. Die entsprechenden Arbeiten dürften sich dann tief in das nächste Jahr hinein ziehen. Mittelfristig erwarten wir, dass die Regulatoren eine offizielle Vernehmlassung über die vorgesehenen Entlastungen durchführen. Wann das definitive Kleinbanken-Regime schliesslich in Kraft treten wird, ist im Moment noch offen.

Marianne Wildi ist seit 2010 CEO der Hypothekarbank Lenzburg AG. Die Betriebsökonomin FH ist u.a. Mitglied des Verwaltungsrats der SBVg und Vizepräsidentin des Verwaltungsrates des Verbandes Schweizer Regionalbanken.

Dr. Markus Staub ist Mitglied der Direktion und Leiter Prudenzielle Regulierung bei der Schweizerischen Bankiervereinigung.



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