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21. September 2016

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Zahlungssysteme im Wandel

Zahlungssysteme im Wandel

In letzter Zeit wurden neue Zahlungssysteme lanciert, die sich als Alternativen zur gängigen Kredit- und Debitkarten anbieten und dem Nutzer ein neues „Zahlungserlebnis“ bieten wollen. Was steckt hinter den neuen Systemen?

Mit PayPal und Apple Pay haben sich zwei Alternativen zum gängigen Zahlkartensystem, in welches vier beziehugnsweise fünf Parteien involviert sind, etabliert. Die Zahlungssysteme basieren auf dem Grundprinzip des klassischen Zahlkartensystems, ergänzen dieses aber um weitere Player und unterscheiden sich vor allem hinsichtlich des Kundenerlebnisses beim Bezahlen.*

Digitale Portemonnaies

Bei PayPal spricht man von einem Staged Wallet. Im Unterschied zum Grundprinzip wird die Kredit- oder Debitkarte in einem virtuellen Portemonnaie, dem sogenannten PayPal Wallet, hinterlegt. Bei den Händlern, die PayPal als Zahlungsart akzeptieren, kann der Kunde mit seinem PayPal Wallet bezahlen, wobei PayPal die im Wallet hinterlegte Karte des Kunden belastet. Der Vorteil eines solchen digitalen Portemonnaies ist, dass der Kunde die Karte zwecks Eingabe der Kartennummer beim Händler nicht mehr in die Finger nehmen muss. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Karteninhaber, beziehungsweise die Person, welche die über das PayPal Wallet generierten Ausgaben tatsächlich bezahlt, nicht die gleiche Person sein muss, welche die Zahlung über das Wallet tätigt. So können beispielsweise Jugendliche ein PayPal Wallet nutzen, welches über eine Kreditkarte der Eltern finanziert wird.

Der Vorteil eines solchen digitalen Portemonnaies ist, dass der Kunde die Karte zwecks Eingabe der Kartennummer beim Händler nicht mehr in die Finger nehmen muss.

Apple Pay funktioniert als sogenanntes Pass-through Wallet. Dank einem Chip im Smartphone oder der Uhr in Kombination mit einer NFC-Antenne (Funkstandard zur drahtlosen Datenübertragung), können Kredit- und Debitkartendaten sicher auf dem Smartphone gespeichert und für Bezahlungen bei Händlern genutzt werden. Dazu braucht es auch keine Hardware-Aufrüstung beim Händler, Merchant genannt. Ebenfalls muss sich der Nutzer in kein Wallet einloggen, sondern hält ganz unkompliziert seine Apple Watch an das Bezahlterminal. Natürlich funktioniert Apple Pay auch via das Smartphone, allerdings muss der Nutzer die Zahlung mittels seines Fingerabdrucks autorisieren.

Unterschiedliche Datennutzung

Was den Umgang mit den Daten betrifft, unterscheiden sich die Systeme und deren Anbieter stark. Apple Pay speichert die durch den Kartenherausgeber generierten Kartendaten auf einem unabhängigen Chip im Smartphone, welcher nicht direkt mit dem Betriebssystem des Smartphones oder der Apple Watch verbunden ist. Dadurch kann keiner der am Zahlvorgang Beteiligten die originalen Karteninformationen auswerten. Auch erhält Apple beim Zahlvorgang weder Informationen darüber, in welchem Geschäft der Kunde bezahlt noch welche Produkte er gekauft hat.

Was den Umgang mit den Daten betrifft, unterscheiden sich die Systeme und deren Anbieter stark.

Paypal hingegen sieht, welcher Betrag an welchen Händler bezahlt wird, kann die so gesammelten Daten auswerten und beispielsweise an Drittanbieter verkaufen. Die ausdrückliche Zustimmung des Wallet- und des Karteninhabers dazu ist in den Nutzungsbedingungen enthalten. Die gekauften Produkte sind jedoch nicht ersichtlich. Beim klassischen Vier-Parteien-Modell erhält der Kartenherausgeber ebenfalls Angaben über die Zahlungsvorgänge eines Kunden, jedoch nicht über dessen Warenkorb. Um trotzdem an verwertbare Informationen zum Konsumverhalten ihrer Kunden gelangen zu können, führen verschiedene Unternehmen daher eigene Treueprogramme.

Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Unabhängige globale Zahlungssysteme können aufgrund ihrer Komplexität und Akzeptanz nicht einfach neu erfunden werden. Daran ist bereits Google mit „Google Checkout“ gescheitert. Neue Player tun also gut daran, global akzeptierte Systeme wie Visa und MasterCard bei ihrer Bezahllösung zu berücksichtigen. Dennoch treten immer mehr neue Player ins System ein und verlängern mit ihrer Dienstleistung die Wertschöpfungskette. Mehr Player in der Wertschöpfungskette bedeutet zugleich, dass die gleichen Einnahmen unter mehreren aufgeteilt werden müssen, denn die Gebühren für die Nutzer und Händler sind bis jetzt gleich geblieben beziehugnsweise sogar gesenkt worden. Im Idealfall entsteht durch ein digitales Zahlungssystem aber eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: Banken profitieren von der Verbreitung von Zahlungsanwendungen und somit von günstigeren Produktionskosten für Zahlungsinstrumente (z.B. Smartphone statt Plastikkarte). Technologieanbieter generieren neue Einnahmen durch Transaktionsgebühren oder (je nach dem) -informationen durch die verbreitete Kartennutzung und der Kunde kommt in den Genuss von einfacheren und schnelleren Zahlungsvorgängen.

Unabhängige globale Zahlungssysteme können aufgrund ihrer Komplexität und Akzeptanz nicht einfach neu erfunden werden.

Die Qualifizierung neuer Zahlungsanbieter und -dienstleister wird aus regulatorischer Sicht spannend zu verfolgen sein. So denkt die Finanzmarktaufsicht (FINMA) aktuell über eine erleichterte Bewilligung für solche Finanzdienstleistungsanbieter nach (Bewilligung „light“). Sie begegnet damit Bedenken, sie könnte dem digitalen Strukturwandel im Finanzsektor im Wege stehen.

Digitale und mobile Zahlungssysteme

Dieser Artikel stützt sich auf die Arbeit von Dr. iur. Cornelia Stengel, Rechtsanwältin, und Thomas Weber, Betriebsökonom FH, welche anfangs Oktober 2016 bei Schulthess unter dem Titel: Digitale und mobile Zahlungssysteme – Technologie, Verträge und Regulation von Kreditkarten, Wallets und E-Geld (ISBN 978-3-7255-7558-9) publiziert wird. Das Buch enthält grafische Darstellungen elektronischer Zahlungssysteme und bietet die wesentlichen Informationen zu den entsprechenden Abläufen und Technologien, zu den vertraglichen Beziehungen sowie zu den regulatorischen Bedingungen solcher Finanzdienstleistungen. Anlässlich einer Präsentation für swissbanking stellten die beiden Autoren ihre Erkenntnisse aus dieser Grundlagenarbeit vor.

* Twint, ein nationaler Anbieter mit grosser Wichtigkeit, welcher mit Paymit fusioniert und per 2017 in geänderter Form den Betrieb aufnimmt, wird hier nicht berücksichtigt. Noch ist unklar, wie die neue Bezahllösung aussehen wird.