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2016/06/30 00:00:00 GMT+2

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Von der Last der Negativzinsen

Von der Last der Negativzinsen

Die gegenwärtige Periode der ultraexpansiven Geldpolitik ist ein Experiment mit hohen Risiken. Diese steigen mit zunehmender Dauer, während die Wirksamkeit geldpolitischer Eingriffe gleichzeitig zurückgeht. Die SNB ist in der internationalen Politik gefangen.

Endlich wieder einmal ein hochrangiger Europäischer Entscheidungsträger, der seinen Worten auch Taten folgen lässt. So ist man geneigt zu sagen. "Wieso muss dies aber ausgerechnet Mario Draghi sein?", werden andere auf seine Aussage einwerfen, zur Rettung des Euro alles Erdenkliche zu unternehmen. In der Tat spricht vieles dafür, dass die Europäischen Zentralbank (EZB) nach der Finanzkrise zu spät gehandelt hat, dafür tut sie heute zu viel des Guten.

Negativzinsen - ein zweifelhaftes Instrument

Dies spürt vor allem die Schweizerische Nationalbank (SNB), die akut unter dem sogenannten geldpolitischen Trilemma leidet. Dieses besagt, dass von den drei Zielen autonome Geldpolitik, stabile Wechselkurse und freier Kapitalverkehr jeweils nur zwei verfolgt werden können und mit dem Dritten in Konflikt stehen. Freier Kapitalverkehr vorausgesetzt und im Bestreben, der Überbewertung des Frankens Herrin zu werden, muss die SNB konsequenterweise mit der expansiven Geldpolitik der EZB mitgehen.

Die SNB muss konsequenterweise mit der expansiven Geldpolitik der EZB mitgehen.

Dies tut die SNB durch Interventionen auf dem Devisenmarkt. Hier lässt sich vermuten, dass sich die geldpolitische Expansion in ähnlichem Umfang bewegt wie das Quantitative Easing der EZB. Damit nicht genug: Das zweite, heiss debattierte Instrument der Geldpolititk sind derzeit bekanntermassen die Negativzinsen.

Die Schweiz steht hier nicht alleine da. Die Wirtschaftsleistung der Länder mit Negativzinsen macht mittlerweile einen Viertel der Weltwirtschaft aus und umfasst namentlich die Eurozone. Die EZB wird nicht müde zu betonen, dass Negativzinsen notwendig zur Erreichung des Inflationsziels seien. Zudem soll durch eine Schwächung des Euros und eine erhöhte Kreditvergabe die Wirtschaft angekurbelt werden.

Eine Schwächung des Euros und eine erhöhte Kreditvergabe sollen die Wirtschaft angekurbeln.

Diese Ziele wurden offensichtlich nicht erreicht. Aber anstatt zu überdenken, ob die Stossrichtung überhaupt fruchtet, kommt die EZB regelmässig zum Schluss, sie habe bislang noch zu wenig unternommen. Zugute halten kann man ihr zumindest, dass die notleidenden Kredite in den Büchern vieler Banken im Süden zurückgegangen sind und erst die Tiefzinspolitik das Überleben einiger schwacher Banken sicherstellt. Ein zweifelhafter Erfolg.

Negativzinsen: Negativ – Wie das Wort schon sagt

Die Liste der Argumente, die gegen Negativzinsen sprechen, ist lang. Zum ersten wirken sie wie eine Steuer auf Ersparnisse. Um diese zu umgehen, werden Gelder risikoreich in anderen Anlageklassen angelegt und können dort zu Blasen führen; dies umso mehr, als gegenwärtig auf vielen Märkten die Liquidität tief ist.

Kritisch wird es allerdings dann, wenn aus Angst vor sinkenden Renten heutige Arbeitnehmer paradoxerweise zusätzlich zu den Vorsorgebeiträgen mehr als ursprünglich gewünscht zu sparen beginnen, und dies auch noch zu schlechten Konditionen. Dieses Geld geht der Wirtschaft in Form von Investitionen verloren und bringt den Sparern nicht wirklich viel Ertrag. Ebenfalls schwierig ist es, wenn Negativzinsen der Wirtschaft grosse Unsicherheit signalisieren und diese sich in Erwartung noch tieferer Zinsen beziehungsweise ungenügender Risikoprämien mit Investitionen zurückhält. Dann hätten die Zentralbankpolitiker das Gegenteil erreicht von dem, was beabsichtigt war.

Die Liste der Argumente, die gegen Negativzinsen sprechen, ist lang.

Schliesslich führt die Zurückhaltung der Banken, Negativzinsen an Privatkunden weiterzugeben, zu sinkender Rentabilität. In den letzten sechs Monaten verzeichneten gemäss EZB 81 Prozent der Banken in der Eurozone sinkende Nettozinserträge.

Schwere Aufgabe für Zentralbanken

Aber auch für die Zentralbanken selber entstehen Probleme. Entkoppeln sich Spar- und Kreditzinsen von den geldpolitischen Leitzinsen, beeinträchtigt dies die Umsetzung der Geldpolitik. Aus Sicht der Schwedischen Reichsbank gibt es bereits Anzeichen dafür. Gewisse Experten votieren deshalb dafür, dass die Notenbanken die volle Kontrolle über die geldpolitische Entwicklung zurückgewinnen können, wenn sie jedem Einwohner direkt einen Scheck übergeben.

Helikoptergeld garantiert keinen Erfolg in Form von nachhaltigem Wirtschaftswachstum.

Die weitere Ausdehnung der Geldmenge durch dieses sogenannte Helikoptergeld birgt unabsehbare Auswirkungen. Dabei handelt es sich um direkte Staatsfinanzierung oder um direkte Geldgeschenke an die Bevölkerung. Eine solche Politik übersteigt das Mandat einer Zentralbank und gefährdet ihre Unabhängigkeit. Helikoptergeld garantiert keinen Erfolg in Form von nachhaltigem Wirtschaftswachstum. Es garantiert aber Risiken hinsichtlich von Preisblasen, entlastet den Staat von Strukturreformen und erhöht den Druck auf die Zentralbank, immer mehr Geld zu verschenken.

Von derartigen Vorschlägen, welche die gegenwärtigen Probleme von Zentralbanken verschlimmbessern, ist dezidiert Abstand zu nehmen. Eine geldpolitische Normalisierung zurück in geordnete Bahnen hingegen ist dringend zu empfehlen.

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