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Wie gehabt: Zuerst schiessen, dann zielen
24. März 2014

Wie gehabt: Zuerst schiessen, dann zielen

Heute reicht das Initiativkomitee die Unterschriften gegen die „Spekulation mit Nahrungsmitteln“ bei der Bundeskanzlei ein. Martin Hess erachtet die Initiative als unnötig und untauglich.

Der Schuss ist gefallen. Die Initiative, die jegliche Finanzinvestitionen in Nahrungsmittel verbieten will, wird bei der Bundeskanzlei deponiert. Das Anliegen ist nutzlos, aber nicht nur. Wann immer eine sogenannte „loose cannon“ ins Feld geschoben wird, dürften auch Kollateralschäden nicht zu vermeiden sein.

Hehre Absichten

Ist das Ziel der Initianten die Bekämpfung des Hungers, dann mache ich mit. Ich habe während Jahren in unterentwickelten Regionen gelebt und die Versorgungsprobleme aus nächster Nähe gesehen. Eine Schande. Knappe Ressourcen müssen jedoch zielgerichtet eingesetzt und nicht in politischem Aktivismus in den Sand gesetzt werden. Das Setzen symbolischer Zeichen an der Urne kann erfahrungsgemäss ins Auge gehen.

Ist es das Ziel, das Verständnis über das Finanzgeschäft zu fördern, dann sind wir auch dabei. Die Bankbranche ist im Zeitalter der Transparenz angekommen. Sie ist in der Pflicht zu erklären, was sie tut, und wieso sie es tut. Und zwar proaktiv und im Dialog mit der interessierten Öffentlichkeit.

An der Realität vorbeigezielt

Dem Initiativkomitee möchte ich den guten Willen nicht absprechen. Aber das ziellose Totschlagen von Geschäftsaktivitäten mit der Moralkeule hilft niemandem. Für eine Ursachenbekämpfung bedarf es fundierter Fakten.Zur zentralen Frage, ob Finanzinstrumente die Preisbildung auf den Rohstoffmärkten negativ beeinflusst, hat die Wissenschaft bislang keine schlüssigen Antworten geliefert. Eindeutig belegt sind einzig kurzfristig erhöhte Preisschwankungen durch physisch hinterlegte ETFs bei kleineren Rohstoffmärkten. Diese Fonds nehmen Rohstoffe vom Markt, welche danach nicht mehr als Angebot zur Verfügung stehen. Dass solche Ereignisse jedoch bedeutend genug wären, um sich von internationalen Börsen auf lokale Märkte in armen Ländern zu übertragen und so zu Unterernährung führen, ist unwahrscheinlich und wurde nie nachgewiesen.

Unötig und untauglich …

Die Initiative ist aber nicht nur unnötig, sondern auch untauglich. Die in der Schweiz via Finanzinvestitionen in Nahrungsmitteln angelegten Gelder betragen einen minimen Bruchteil des Handelsvolumens an einem Tag an den internationalen Börsen. Sie sind somit irrelevant für die Preisbildung von Nahrungsmitteln.

… aber schädlich

Das Hornberger Schiessen der Initianten gefährdet aber die volkswirtschaftlichen Vorteile von Rohstoffinvestitionen. Diese bieten einen wirksamen Schutz gegen Inflation und eine Senkung des Portefeuillerisikos. Deshalb sind sie namentlich für Pensionskassen attraktiv. Produzenten und Verarbeiter ihrerseits profitieren von Investitionen durch die Zuführung von Liquidität. Dies ist Voraussetzung für kostengünstigen Handel, fairen Preisen und effiziente Risikoabsicherung. All dies würde durch einschneidende Verbote aufs Spiel gesetzt, ohne das Kernproblem des Hungers auch nur im Geringsten zu lindern.

Wirksame Massnahmen existieren

Es gibt durchaus Mittel, um Preisübertreibungen zu verhindern. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln kann durch Effizienzsteigerungen und verbesserte Infrastruktur in der Produktion verbessert werden. Spekulationen kann durch Transparenzmassnahmen vorgebeugt werde. Die weltweite Verfügbarkeit von Daten zu Lagerbestand, Produktionserwartungen und Erntesituation würde der Gerüchteküche den Strom abdrehen. Zur Minderung kurzfristiger Fluktuationen dienen beste Praktiken im Asset Management für den Handel in illiquiden Märkten ebenso wie strategische Nahrungsmittellager. Hätte die Juso vor ihrem Schuss gezielt, dürfte sie für sich tatsächlich in Anspruch nehmen, zur Problemlösung beizutragen. So ist die Initiative aber nicht mehr wert als eine Ladung Schrot.