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Der Zauberlehrling werkelt am Finanzsystem
2015/12/01 00:00:00 GMT+1

Der Zauberlehrling werkelt am Finanzsystem

Wir alle kennen Goethes Zauberlehrling noch aus der Schule. Jetzt ist er in Form der heute eingereichten Vollgeldinitiative wiederauferstanden, wie Martin Hess aufzeigt.

Goethes Zauberlehrling ist wiederauferstanden. So mein Eindruck nach dem Studium der heute eingereichten Vollgeldinitiative. Sie erinnern sich: „Walle! Walle/Manche Strecke,/Dass, zum Zwecke,/Wasser fließe/Und mit reichem, vollem Schwalle/Zu dem Bade sich ergiesse.

Staatliches Füllhorn

Auf der Homepage der Initianten steht euphorisch, dass die Erlöse aus der Geldherstellung genutzt werden sollen, damit „Steuern gesenkt, Staatsschulden abgebaut oder öffentliche Infrastruktur und die Sozialwerke mitfinanziert werden. Möglich wäre auch […] eine jährliche Bürgerdividende von 500 bis 1’000 Franken pro Kopf …“.

Dies tönt zu schön um wahr zu sein, aber die Initianten doppeln nach: „Manche können sich die Mehreinnahmen aus der Vollgeldreform nicht vorstellen, da sie meinen, dass jemand entsprechende Verluste machen müsste. Sie wollen wissen: Wem wird dafür dieses Geld weggenommen? Die Antwort ist: Niemandem, keiner wird ärmer!“ Und weiter: „Die Vollgeld-Initiative verwirklicht, was sich die meisten Menschen wünschen […]: Allein die Nationalbank erzeugt unser Geld.“

Der Zauberlehrling hat das Perpetuum Mobile entdeckt: Die Nationalbank wird uns nämlich durch Gelddrucken aller Sorgen entledigen. Ausgerechnet die Initianten, die den Banken Zügellosigkeit in der Geldschöpfung vorwerfen, stellen die Weichen für ein bewährtes Rezept zur Hyperinflation. Stehe! stehe!/Denn wir haben/Deiner Gaben/Vollgemessen! –/Ach, ich merk es! Wehe, wehe!/Hab ich doch das Wort vergessen!

Heutiges Bankensystem implodiert

Vergessen gingen den Vollgeldinitianten bei ihrer Zauberei diverse gravierende Nebeneffekte des vorgeschlagenen Vollgeldsystems:

  • In einer Zeit der Frankenstärke würden sich auch die Kredite für Schweizer Unternehmen massiv verteuern und der Wirtschaft Schaden zufügen. Nicht mehr die Bedürfnisse des Markts entscheiden über das Kreditvolumen, sondern Bürokraten.
  • In einem Vollgeldsystem müssten Banken die Ersparnisse bei der SNB zum Negativzins hinterlegen oder in Cash halten anstatt sie zinstragend anzulegen. Sie wären gezwungen, ihren Kunden die hohen Kosten weiterzugeben. Der Einkaufstourismus im Ausland erfasst auch das Bankgeschäft.
  • Hauseigentümer würden unter teuren Hypotheken leiden, da Banken diese nicht mehr mit günstigen Ersparnissen finanzieren dürften.
  • Die von den Initianten versprochenen Geldschöpfungsgewinne für die Bevölkerung würden nicht fliessen. Unternehmen und Banken würden verschwinden, weniger Gewinnsteuern zahlen und Geschäfte in Alternativwährungen abschliessen. Für Herr und Frau Schweizer bliebe weniger.
  • Mit der Monetativen sieht die Vollgeldreform neben der Regierung, dem Parlament und den Gerichten eine neue Gewalt im Staat vor. Durch die Begehrlichkeiten des Staats als Eigentümer in Bezug auf die Geldschöpfungsgewinne würde sie zum Selbstbedienungsladen der Politik verkommen.

Unnötiger Totalumbau

Der wahnwitzige Totalumbau unseres Schweizer Wirtschaftssystems ist völlig unnötig. Die Banken Unternehmen stets mit genügend Krediten versorgt und so eine hohe Beschäftigung und den Wohlstand gefördert. Die Ursachen der Finanzkrise wurden in einem regulatorischen Marathon angegangen. Die Schweizer Banken gehören heute weltweit zu den stabilsten. Die Geldpolitik der SNB hat sich über Jahrzehnte bestens bewährt und die Preisstabilität gesichert. Es besteht kein Bedarf, in der Geldpolitik etwas kaputtzuregulieren.

Mögen die akademischen Ursprünge der Vollgeldidee intellektuell durchaus wertvoll sein, die Schweiz des 21. Jahrhunderts verträgt es nun wirklich nicht, Geister zu rufen, die sie nicht mehr los wird. Es gibt bei der Vollgeldinitiative nur die Lösung des alten Hexenmeisters:

In die Ecke, Besen! Besen!/Seid's gewesen./Denn als Geister/Ruft euch nur, zu diesem Zwecke/Erst hervor der alte Meister.

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