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Das Kuchenproblem: Über Anreize in der Bankenregulierung

Erstellt am 2.8.2012 von Markus Staub, Leiter Bankenpolitik/Bankenregulierung

Wie teilt man ein Kuchenstück „gerecht“ auf zwei Kinder auf? Selbst bei noch so intensivem Bemühen um einen Schnitt genau durch die Mitte werden die beiden entstehenden Stücke in den Augen mindestens eines der Kinder nicht gleich gross sein. Vielleicht sind sogar beide Kinder unzufrieden, insbesondere wenn neben der Grösse der Kuchenstücke noch zusätzliche „Goodies“ eine Rolle spielen, wie etwa besonders attraktive Dekorationen, die nur bedingt teilbar sind. Die Rüeblitorte mit dem bekannten orangefarbigen Marzipan-Gemüse lässt grüssen.

Die Lösung ist simpel: Sie lassen das eine Kind den entscheidenden Schnitt selbst vollziehen, und das andere Kind darf dafür zuerst sein Stück auswählen. Diese einfachen Spielregeln werden automatisch dazu führen, dass die zugrunde liegenden strategischen Zusammenhänge in geeigneter Weise berücksichtigt werden: Das erste Kind wird sich überlegen, dass bei ungleichen Stücken das zweite für sich natürlich das grössere Stück auswählen würde. Also hat das erste Kind einen Anreiz, die Mitte möglichst genau zu treffen, sodass beide Stücke möglichst gleich gross bzw. gleich attraktiv sind. Im Fachjargon der Spiel- und Vertragstheorie handelt es sich um einen „anreizverträglichen“ Mechanismus.

Nun ist es natürlich nicht meine Absicht, Ihnen an dieser Stelle gut gemeinte Tipps für die praktische Kindererziehung zu geben. Vielmehr geht es mir darum, drei interessante Einsichten für die Regulierung von Banken abzuleiten:

Erstens, es gibt tatsächlich Probleme mit (mindestens theoretisch) einfachen Lösungen. Ein Blick auf die zahlreichen Verschärfungen der Bankenregulierung seit der Finanzkrise genügt, um eine eindrückliche Zunahme an Komplexität der regulatorischen Anforderungen festzustellen. Ob dieses Ausmass an technischer, juristischer und ökonomischer Komplexität in allen Fällen gerechtfertigt ist, bleibt vorerst offen. Vielleicht wissen wir’s, wenn die Diagnose der nächsten Finanzkrise dann vorliegt.

Zweitens, der Kuchen-Teilungs-Mechanismus funktioniert nur, wenn die Spielregeln robust, vorgängig bekannt bzw. transparent sind und auch eingehalten werden. Übertragen auf die Bankenregulierung heisst das unter anderem auch, dass die sachlichen und zeitlichen Geltungsbereiche regulatorischer Anforderungen klar definiert und einigermassen stabil sein müssen. So ist es zum Beispiel fragwürdig, wenn Banken bezüglich ihrer Eigenkapitalausstattung bereits heute an Standards gemessen werden, die international und national noch gar nicht in Kraft sind.

Drittens, für das Verhalten sowohl von Kindern als auch von Banken sind Anreize entscheidend. Deshalb ist es so wichtig, dass gute Bankenregulierung anreizverträglich ist bzw. die zu erwartenden Reaktionen der Akteure auf veränderte Regeln und Anreize mitberücksichtigt werden. Übertriebene Regulierungsprojekte könnten nämlich (Fehl-) Anreize beinhalten. Beispielsweise besteht die Gefahr, dass Teile des Geschäfts in nicht oder weniger regulierte Bereiche des Finanzdienstleistungssektors abwandern, insbesondere zu sogenannten Schattenbanken (Shadow Banking). Mindestens aus Sicht der Systemstabilität wäre das aber kaum vorteilhaft.

P.S. Zusätzlich zu den drei erwähnen Punkten enthält die Kuchengeschichte meines Erachtens noch eine übergeordnete „Meta-Moral“: Wie die Kuchenteilung hat auch Regulierung typischerweise Verteilungswirkungen. Die Effekte auf die verschiedenen Involvierten sind häufig hochgradig asymmetrisch. Auch das spricht dafür, die Auswirkungen regulatorischer Vorhaben jeweils frühzeitig abzuschätzen.


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