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2017/12/13 08:50:00 GMT+1

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FINMA will Kosten-Nutzen-Verhältnis verbessern

FINMA will Kosten-Nutzen-Verhältnis verbessern

Welche Kosten und zusätzlichen Regulierungen kommen auf die Banken zu? Wie beurteilt die FINMA ICOs und wie will sie die verstärkte Differenzierung der regulatorischen Anforderungen umsetzen? Michael Schoch, Leiter Geschäftsbereich Banken bei der FINMA, stand insight Rede und Antwort.

insight: Wie beurteilen Sie die nach der Finanzkrise getroffenen Massnahmen zur Verschärfung der Bankenregulierung?

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Michael Schoch, Leiter Geschäftsbereich Banken, FINMA
Michael Schoch: Diese Massnahmen waren dringend nötig. Denn sie korrigierten die aufgrund der Finanzkrise festgestellten Schwachstellen im bestehenden Regulierungswerk. Namentlich die Massnahmen zur Steigerung der Quantität und Qualität der Eigenmittel sowie zur Liquidität und Risikokonzentration waren wichtig und richtig. Auch einheitliche Standards zur Verbesserung der Abwicklungsfähigkeit der sogenannten Too big to fail Banken waren zwingend erforderlich. Und das letzte grosse Projekt, die Reduktion der Variabilität der risikogewichteten Aktiva - den sogenannten RWA - wurde nun abgeschlossen. Danach gilt es, in der Praxis zu prüfen, ob diese Massnahmen in der gewünschten Weise wirken und ob die Kalibrierung stimmt.

Wie stabil sind die Banken und das System als Ganzes geworden?

Bei zentralen Kriterien wie Kapital, Liquidität und Risikokonzentration haben wir in der Schweiz viel erreicht. Die Eigenmittelausstattung war mit Ausnahme der Grossbanken bereits vor der Krise grösstenteils sehr solide. Und die Grossbanken haben in der Zwischenzeit grosse Anstrengungen unternommen, um ihre Bilanzen zu reduzieren sowie mehr und qualitativ besseres Kapital zu halten. Betreffend Liquidität erzielten wir flächendeckend Fortschritte. Die Banken sind für unvorhergesehene rasche Kapital- oder Liquiditätsabflüsse heute viel besser vorbereitet, auch dank der mittlerweile ergriffenen Massnahmen zur Verbesserung der Abwicklungsfähigkeit.

Wo verbleibt nach Ihrer Einschätzung weiterhin Handlungsbedarf?

Grosse internationale Regulierungsprojekte, wie sie in den letzten Jahren mit der Basler Reformagenda angegangen wurden, stehen nicht mehr an. Für die nähere Zukunft sehe ich deshalb vor allem drei Handlungsfelder: Erstens geht es darum, das Angefangene auch sauber zu Ende bringen. Dies ist mit der Basel III-Finalisierung Anfang Dezember geschehen. Diese soll insbesondere eine glaubwürdige Ausgestaltung von internen Modellen für die Berechnung von risikogewichten Eigenmittelanforderungen bewirken. Die Reduktion der Variabilität bei den risikogewichteten Aktiven sowie eine geringere Abweichung zu den Berechnungen mit Standardmodellen sind hier zentral.Nun wird für uns der Fokus auf der Umsetzung dieser Standards in der Schweiz liegen. Wichtig wird zweitens sein, dass auch international eine glaubwürdige und einheitliche Umsetzung dieser neuen Regeln erfolgt. Diese Umsetzung muss deshalb in den Fokus des Basler Ausschusses rücken. Dafür werden wir uns einsetzen. Und in der Schweiz muss drittens geprüft werden, ob die Anwendung der verschiedenen Regeln insbesondere für kleine Institute angemessen differenziert ist und nicht zu unnötiger Komplexität führt.

Anfangs Oktober  hat die FINMA kommuniziert, die Regulierung für Klein- und Kleinstbanken zu lockern und Hürden abzubauen. Wie wollen Sie diese verstärkte Differenzierung der regulatorischen Anforderungen konkret umsetzen?

Das übergeordnete Ziel ist es, unnötige Komplexität und unnötigen Aufwand abzubauen, ohne einen Sicherheitsverlust in Kauf zu nehmen. Dies wollen wir auf drei Ebenen erreichen. Erstens wollen wir wie bei den bereits bestehenden Erleichterungen weiter unnötige Komplexität für kleine Institute von Anfang an identifizieren und beseitigen. Zweitens sollen hervorragend kapitalisierte und konservativ geführte Banken in einem Kleinbankenregime auf die Berechnung von bestimmten Kapital- und Liquiditätskennzahlen ganz verzichten können. Wie wir diese Ideen konkret umsetzen, werden wir in gezielten Expertenpanels mit den betroffenen Kleinbanken diskutieren. Und drittens werden Kleinbanken, die aus Aufsichtsperspektive unauffällig agieren, also keinen Anlass zu Beanstandungen geben, auch von den geplanten Reformen im Prüfwesen profitieren können, welche wir vor Kurzem in Anhörung gegeben haben. 

Am 1. August 2017 traten die neuen Fintech-Regeln in Kraft. Damit sollen unter anderem Markteintrittshürden für Fintech-Unternehmen verringert werden. Welchen Handlungsbedarf in der Regulierung sehen Sie in Bezug auf Fintech noch?

Die FINMA hat Ideen lanciert, wie unnötige regulatorische Hürden für innovative Geschäftsmodelle abgebaut werden können. Der Bundesrat hat diese Ideen, wie die Sandbox oder auch die neue Bewilligungskategorie für innovative Gesellschaften, aufgenommen und teilweise bereits umgesetzt. Wir werden nun aufmerksam beobachten, wie die neuen Regeln wirken und wie sich der Markt weiterentwickelt. Dabei wollen wir mit einer bewusst technologieneutralen Haltung Innovation ermöglichen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe einzugreifen, wenn wir feststellen, dass bestehende Regeln und Schutzmassnahmen mit neuen Technologien verletzt oder umgangen werden.

Mit sogenannten ICOs werden aktuell Milliardenbeträge generiert, reguliert sind sie kaum. Kritiker befürchten das Platzen einer Blase und damit Gefahren für den Finanzplatz Schweiz. Wie steht die FINMA dazu?

Die FINMA beobachtet diese Entwicklung wie im September mitgeteilt sehr genau. ICOs haben - sieht man von der Technologie ab - teilweise eine grosse Nähe zu Aktivitäten des traditionellen Finanzmarkts. Deshalb erscheint es uns nicht unwahrscheinlich, dass es für verschiedene Modelle Anknüpfungspunkte zum Aufsichtsrecht gibt. Das schauen wir uns derzeit in mehreren Fällen genau an und machen entsprechende Abklärungen. Erlangen wir dabei Hinweise auf Verletzungen von Aufsichtsrecht, werden wir dem konsequent nachgehen. Auch können wir aktuell nicht ausschliessen, dass im gegenwärtigen Hype ICO-Anbieter mit betrügerischer Absicht unterwegs sind. Darum gilt es für die Investoren, hier besonders vorsichtig zu sein.

Wo müssen die Banken mit weiteren Verschärfungen der Regulierung und zusätzlichen Regulierungskosten rechnen?

Bei der Aufsicht über die Einhaltung der Verhaltensregeln ist vor allem im Rahmen der Umsetzung der laufenden Regulierungsprojekte FINIG und FIDLEG mit einem gewissen Aufwand zu rechnen. Generell streben wir seitens der FINMA an, das Kosten-Nutzen Verhältnis der Aufsichtstätigkeit weiter zu verbessern. Deshalb wollen wir wie angesprochen die von den Prüfgesellschaften durchgeführten Aufsichtsprüfungen reformieren und stärker auf problematische Themen oder Vorfälle ausrichten. Insgesamt wird unsere Aufsichtstätigkeit damit noch risikoorientierter. Die Kosten sollen letztlich dort anfallen, wo sie aufgrund der Risiken auch entstehen.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit zwischen FINMA und SBVg ein?

Die Zusammenarbeit funktioniert gut und ist professionell. Aufgrund unserer unterschiedlichen Rollen und Perspektiven ist sie manchmal auch herausfordernd. Wichtig erscheint mir, dass keine Pauschalkritik mit Schlagworten wie "Überregulierung" geübt wird, sondern Probleme konkret angesprochen werden. So können diese gemeinsam angegangen werden. Besonders wertvoll empfinde ich deshalb den Austausch zu operationellen Themen in den verschiedenen Expertenpanels. In diesem Rahmen greifen wir konkrete Probleme auf und überlegen gemeinsam sinnvolle Massnahmen. 

Welches sind die geplanten Prioritäten der Aufsichtstätigkeit der FINMA im kommenden Jahr?

Wir werden weiter konsequent eine risikobasierte Aufsicht betreiben und das erwähnte Kleinbankenregime umsetzen. Als Risikoschwerpunkte sehe ich aktuell insbesondere Cyber- und Zinsänderungsrisiken. Auch die Temperatur am Hypothekarmarkt – und hier insbesondere bei der Finanzierung von Miet- und Gewerbeobjekten – hat in jüngster Zeit wieder zugenommen und bedarf eines kontinuierlichen Monitorings. Als weiteren Schwerpunkt werden wir weiterhin die Arbeiten zur verbesserten Abwicklungsfähigkeit unserer systemrelevanten Institute eng begleiten. Schliesslich bleibt der Bereich der Geldwäscherei und ganz generell des Marktverhaltens im Aufsichtsfokus.

Hand aufs Herz: Welche Themen oder Risiken rauben Ihnen als Chef der Bankenaufsicht den Schlaf?

Ich schlafe generell sehr gut und sehe derzeit auch keine unmittelbaren Themen, die mir den Schlaf rauben sollten. Klar, gewisse Sorgen hat man als Aufseher immer. Mit einigen Sorgenfalten beobachte ich das Zinsumfeld und auch das generelle geopolitische Umfeld, das die mittlerweile hoch bewerteten Märkte anfälliger werden lässt und damit die Finanzindustrie vor erhebliche Herausforderungen stellt. Sollte es in einigen Märkten deutliche Korrekturen geben, wird sich zeigen, ob die nach der Finanzkrise getroffenen regulatorischen Massnahmen wirken und ob die Banken angemessen auf diese Risiken vorbereitet sind.