SwissBanking
Das Online-Magazin der Schweizerischen Bankiervereinigung
2016/12/14 01:00:00 GMT+1

Sektionen

Message
Vollgeld: Ein gefährliches Experiment

Vollgeld: Ein gefährliches Experiment

In einem Jahr wird das Schweizer Stimmvolk an der Urne über die Vollgeldinitiative abstimmen. Diese fordert nichts geringeres, als das Geldsystem auf den Kopf zu stellen. Die Schweiz darf nicht zum Versuchslabor werden.

Vielleicht sind Sie im letzten Jahr den eifrigen Unterschriftenjägern der Vollgeldinitiative auch begegnet. Und falls Sie nachgefragt haben, wofür Sie unterschreiben sollten und aus den Erklärungen auch nicht schlau geworden sind, dann dürften Sie sich wie Goethes Faust gefühlt haben. "Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!" Nun soll über so weitreichende Veränderungen, deren Inhalt und Folgen kaum verständlich sind, abgestimmt werden. 

Die Initiative stellt ein beispielloses Hochrisikoexperiment dar.

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ist in ihrer deutlichen Ablehnung in guter Gesellschaft mit dem Bundesrat, der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sowie weiten Teilen der Wirtschaft und Wissenschaft. Die Ablehnung der Vollgeldinitiative ist deshalb so breit, weil die Initiative weit am proklamierten Ziel vorbei schiesst und ein beispielloses Hochrisikoexperiment darstellt.

Darum geht es den Initianten

Das Ziel der Initianten ist die volle Kontrolle der SNB über die gesamte Geldmenge, das Verhindern von Bankruns und die Gewinnerzielung aus der Schöpfung von Buchgeld. Diese Gewinne sollen zur Tilgung von Schulden gebraucht oder als Bürgerdividende ausgeschüttet werden können. Zwingend wäre allerdings, dass Kredite nur noch vergeben werden könnten, wenn sie vollumfänglich mit Sparguthaben hinterlegt sind. Oder anders formuliert: Die Sichteinlagen von Kunden müssen aus der Bankbilanz gestrichen werden, damit sie nicht zur Refinanzierung von Krediten verwendet werden können. Das Ausweichen auf andere Zahlungsmittel würde wenn nötig mit einschneidenden Regulierungen unterbunden.

Darum sollte es gehen

Jedes Finanzsystem hat die Funktion, der Gesellschaft und Wirtschaft Kapital zur Verfügung zu stellen und Risiken zu übernehmen. Indikatoren zeigen für die Schweiz, dass die Banken ihren Beitrag zu wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand hervorragend leisten.

Jedes Finanzsystem hat die Funktion, der Gesellschaft und Wirtschaft Kapital zur Verfügung zu stellen und Risiken zu übernehmen.

Bankgeschäfte sind naturgemäss nicht risikolos. In der Schweiz wurden die Lehren aus der Finanzkrise, die auch durch ein Vollgeldsystem nicht hätten abgewendet werden können, gezogen. Die Bankenaufseher bescheinigen der Branche auf dem richtigen Weg zu sein. Ein Bedarf, die Branche kaputt zu regulieren, besteht bei bestem Willen nicht – auch nicht ausserhalb der Finanzkreise. Für die Behauptung, dass der Schweizer Franken wenig vertrauenswürdig sei, nur weil der Grossteil der Geldmenge durch die Kreditvergabe privatwirtschaftlich geschöpft wird, sieht die SBVg keine Indizien. Der harte Kampf der SNB gegen die Überbewertung des Frankens zeugt vom Gegenteil.

Die Vollgeldinitiative scheint wirkungslose Lösungen für nicht materialisierte Probleme zu liefern.

Schon heute stünde es Finanzinstituten frei, denjenigen Kunden Konti anzubieten, die Vollgeld-Kriterien entsprechen. Aber offenbar besteht keine Nachfrage nach derartigen Dienstleistungen. Die Vollgeldinitiative scheint somit wirkungslose Lösungen für nicht materialisierte Probleme zu liefern.

Was, wenn doch?

Ein Vollgeldsystem würde einen fundamentalen Umbau des Finanzsystems in einem nationalen Alleingang bedeuten. Noch nie wurde ein solches System in einer modernen Volkswirtschaft eingeführt. Dabei entstünden unkalkulierbare Risiken für die Schweizer Wirtschaft. Auch Bankkunden müssten grosse Nachteile in Kauf nehmen. Das Kreditangebot würde nicht mehr durch den Markt, sondern durch hochgradig zentralisierte Entscheide der SNB bestimmt. Dies würde politische Begehrlichkeiten wecken. Die für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum notwendige Versorgung mit Krediten könnte nicht sichergestellt werden. Kredite, die durch langfristig angelegte Ersparnisse refinanziert werden, wären zudem teurer als die heute durch Sichteinlagen finanzierte Geldleihe.

Auch Bankkunden müssten grosse Nachteile in Kauf nehmen.

Auch die Sparer würden schlechter gestellt, da das Halten von Notenbankgeld im Vergleich zu liquiden Sichteinlagen viel teurer wäre und die beliebten Sparkonten eine massiv reduzierte Flexibilität im Vergleich zu heute bieten dürften. Im Vollgeldsystem würde die SNB neues Geld schaffen, ohne damit gleichzeitig werthaltige Aktiven wie Devisenreserven zu kaufen. Bei Geld, dem keine Sicherheit gegenübersteht, handelt es sich um Leergeld. Haushaltspolitische Zwänge anstatt gesamtwirtschaftliche Überlegungen wären für die Geldmenge massgebend. Dies führt immer zu Inflation.

Trost für den Stimmbürger

Die Stimmbürger haben oft keinen leichten Job. Bei Abstimmungen gilt es, den Durchblick in einer komplexen Materie zu behalten und dann Pro und Contra abzuwägen. Die Vollgeldinitiative ist die tröstliche Ausnahme von dieser Regel. Steht in einer Abstimmung eine experimentelle Lösung zur Debatte, die inexistente Probleme adressieren will, ist eine Abwägung nicht schwierig. In der soliden Schweiz wäre alles andere als ein kräftiges Nein an der Urne ein leichtfertiges Verhalten.