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2016/12/14 01:00:00 GMT+1

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Kalkulatorischer Zinssatz: Im Sturm des Tiefzinsumfelds

Kalkulatorischer Zinssatz: Im Sturm des Tiefzinsumfelds

Die Zinsen für Hypotheken sind so tief wie noch nie. Dennoch lockern die Schweizer Banken die Tragbarkeitskriterien für die Hypothekenvergabe nicht. Wieso eigentlich?

Auf den ersten Blick lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb Schweizer Banken trotz historisch tiefem Zinsumfeld weiterhin bei der Berechnung der Tragbarkeit, also der Frage, nach dem „Es-Sich-Leisten-Können“, von einem kalkulatorischen Zinssatz von 4,5 beziehungsweise fünf Prozent ausgehen.

Goldene Regel mahnt zur Vorsicht

Der genaue Wert des kalkulatorischen Zinssatzes oder eine Berechnungsformel wird weder vom staatlichen Regulator noch von der entsprechenden Selbstregulierung der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) vorgegeben. Der kalkulatorische Zinssatz ist vielmehr eine „Goldene Regel“ der Banken, deren Ausgestaltung grundsätzlich im Bereich der Geschäftspolitik der einzelnen Bank liegt. Die Selbstregulierung der SBVg führt dazu einzig aus, dass der kalkulatorische Hypothekarzinssatz im Sinne eines Sicherheitspuffers gegen einen Anstieg der Zinsen zur nachhaltigen Berechnung der Tragbarkeit beigezogen werden muss. Als Grundlage für die Berechnung kann auf langfristige Mittelwerte zurückgegriffen werden.

Der kalkulatorische Zinssatz ist eine „Goldene Regel“ der Banken.

Vor diesem Hintergrund muss es in einer Zeit, in welcher Innovation und Kreativität in der Finanzindustrie gross geschrieben werden, erlaubt sein, die bewährte Bankenpraxis zu hinterfragen und ergebnisoffen zu diskutieren. Deshalb sollte angesichts des aktuellen Tiefzinsumfelds auch die Frage nach der idealen Höhe des kalkulatorischen Zinssatzes, gestellt werden dürfen.

Stresstest für die Kunden

Da die Entwicklung der Zinsen grundsätzlich nie mit letzter Sicherheit vorausgesehen werden kann, sind die Banken dazu angehalten, die Risiken, welche mit einer Kreditvergabe an den Kunden einhergehen, abzuschätzen. Dass sich die Banken dabei nicht nur auf eine „Schönwetter-Periode“ abstützen können, sondern auch stürmischere Zeiten berücksichtigen müssen, macht Sinn und ist zu unterstützen. Der kalkulatorische Hypothekarzinssatz ist also eine Art „Stresstest“, der die Bank, aber insbesondere auch die Kunden schützen soll.

In der Tat ist der Traum vom Eigenheim in der heutigen Situation beispielsweise für junge Familien nicht in allen Regionen leicht zu realisieren. Die Senkung der Tragbarkeitshürde würde in einem ersten Schritt wohl auch tatsächlich dazu führen, dass mehr Haushalte ein Eigenheim finanzieren könnten. Die Gefahr, dass sich diese „Schwellen“-Haushalte bei einer plötzlichen Zinserhöhung in einer Schuldenspirale wiederfinden, wäre allerdings gross.

Der kalkulatorische Hypothekarzinssatz ist eine Art „Stresstest“, der die Bank, aber insbesondere auch die Kunden schützen soll.

Es ist also niemandem, auch nicht der jungen Familie, gedient, wenn sie zwar ihren Traum vom Wohneigentum verwirklichen könnte, infolge der Zinserhöhung aber ihren gewohnten Lebensstandard zukünftig einschränken müsste und beispielsweise die Rechnungen für den Arzt, die Ferien, den Kinobesuch oder das leckere Essen im Lieblingsrestaurant nicht mehr bezahlen könnte.

SBVg überlässt die Höhe des Zinses den Banken

Die Meinungen betreffend die Anpassung des kalkulatorischen Hypothekarzinssatzes gehen also auseinander. Da die Festlegung von Zinssätzen im Verantwortungsbereich jeder einzelnen Bank liegt, kann, möchte und wird die SBVg aktuell keine Änderung der Selbstregulierung in Betracht ziehen und in die Geschäftspolitik ihrer Mitglieder eingreifen. Es gilt zu bedenken: Gerade die strengen Vergabepraktiken der Banken im Allgemeinen haben dazu beigetragen, dass sich die Situation am Immobilienmarkt beruhigen konnte. Diese Beruhigung ist im Interesse aller Marktteilnehmer und im Wesentlichen den Selbstregulierungsmassnahmen zu verdanken. Der mit einer Lockerung der Tragbarkeitsvorgaben verbundene Preisschub ist daher nicht zu unterschätzen.

Christian Hafnet sagt
17.01.2017 21:36

Wie beeinflusst der Abschluss einer langen Festhypothek den Satz für die Tragbarkeitsberechnung ? Je länger die Laufzeit desto tiefer könnte doch der Kalkulationssatz sein. Dürfen Banken solche Verknüpfungen machen?

D. Portner sagt
31.05.2017 12:54

Entwertung Jahrzehntelanger Bemühungen

Die Finma Tragbarkeitsrechnung für Hypotheken ist UNTRAGBAR! Wie sind diese uns belehrenden Mensch zu bezeichnen, die solche Grundlagen für alle schaffen?
Ich arbeite seit 1973 und hab zusammen mit meiner Frau ein Haus gekauft, welches den Wert durch jährliche Investitionen/Renovationen vermehrt hat.
Mit Vorgabe der FINMA werden damit anstelle heutiger
Hypothek von Fr. 7'000/Jahr mit "technischem" Zinssatz bei der Pension Fr. 29'000 zusätzlich, nämlich Fr. 36'000
als Berechnungsgrundlage verlangt, da dies nicht mehr als 1/3 sein darf. Was bitte machen wir nun als Pensionierte? Haus verkaufen und für 7'000 im Jahr etwas mieten?

Macht doch bitte die Rechnung nicht für Banken und deren Funktionäre, die sich beliebig am Volksvermögen bereichern können und die, die wirklich Arbeiten an der Nase herumführen und damit eigentlich betrügen.

Bankenkrise ahoi - wer hat den Swissair Zerstörern helfen müssen?

Vertrauens- und hoffnungsvoll-D.P.

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