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Das Online-Magazin der Schweizerischen Bankiervereinigung
2017/09/21 09:40:00 GMT+2

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"Wir sind Think Tank für die Rahmenbedingungen von morgen"

"Wir sind Think Tank für die Rahmenbedingungen von morgen"

Wie der Finanzplatz in den nächsten Jahren top bleibt, was die Wettbewerbsfähigkeit der Banken mit der Regulierung zu tun hat und was die Aufgabe des Branchenverbands ist, sagt SBVg-Präsident Herbert J. Scheidt im Interview mit insight.

Insight: Herr Scheidt, der Bankiertag stand unter dem Motto „Finanzplatz Schweiz – An der Spitze bleiben“. Was macht Sie zuversichtlich, dass der Finanzplatz Schweiz auch 2025 weltweit an der Spitze steht?

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Herbert J. Scheidt, Präsident der SBVg
Herbert J. Scheidt: Unsere Banken sind heute in hohem Mass wettbewerbsfähig. Sie zeichnen sich durch Innovation, Professionalität und Qualität aus. Der Standort Schweiz steht für Stabilität, Solidität und Verlässlichkeit. Diese Werte zeichnen auch Swiss Banking aus. Und wir haben die besten Voraussetzungen, um auch morgen an der Spitze zu sein. Doch dazu müssen wir fortlaufend die Rahmenbedingungen anpassen. Wir haben drei Leitlinien definiert, die aus unserer Sicht mit Blick nach vorne den Weg weisen: die Berücksichtigung der Wettbewerbsfähigkeit bei allen Regulierungsprojekten, offene Märkte und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.

Die erste Leitlinie heisst „Wettbewerbsfähigkeit“. Was konkret ist damit gemeint?

Wir brauchen keinen Swiss Finish, sondern einen Swiss Way in der Regulierung. Mit „Swiss Way“ meine ich Regulierung, die ohne Wenn und Aber auf Wettbewerbsfähigkeit setzt. Alle beteiligten Akteure müssen Kosten und Nutzen neuer Regulierung abwägen. Spielräume im Vergleich mit dem Ausland sind zu nutzen, um Wettbewerbsvorteile aus- und  aufzubauen – so wie andere Staaten dies auch machen. Neue internationale Vorgaben dürfen zeitlich nicht vor anderen Ländern umgesetzt werden, weil wir uns sonst Wettbewerbsnachteile kreieren und uns selber die Luft abschnüren.

Hand aufs Herz: Alle klagen über die Regulierung. Ist es so dramatisch?

Es ist Zeit Klartext zu sprechen: Die Auswirkungen neuer Regulierungen auf die Wirtschaft werden noch viel zu wenig analysiert. Die wichtigste Frage ist: Was nützt und was kostet eine neue Regulierung? Eine Grossbank hat kürzlich öffentlich gesagt, dass sie in den letzten paar Jahren sagenhafte 3,5 Mrd. Franken für die Compliance- und Regulierungsumsetzung ausgegeben hat. Und wir sprechen hier von einer einzigen Bank – eine von 261 in der Schweiz. Die NZZ hat jüngst das Basel-Regelwerk unter die Lupe genommen und auf die enorme Regulierungsdynamik hingewiesen: Seit der Krise 2007 publizierte der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht fast 3'000 Seiten. Dieser Umfang an Regulierungen löst für den Finanzplatz hohe Umsetzungskosten aus. Aus meiner Sicht ist deshalb klar und deutlich: Es ist an der Zeit, dass auch die Regulierung Mass hält.

Verfügt die Schweiz denn über Spielraum bei der Regulierung im Kontext der geltenden internationalen Standards?

Es gibt diesen Spielraum, und wir sollten ihn nutzen. Nehmen wir das Beispiel der Einführung der Net Stable Funding Ratio (NSFR). Wir stellen fest, dass etwa die USA und die EU diesen Basel-Standard zurzeit noch nicht umsetzen. Hier fordern wir, dass die Schweiz nicht vorauseilt, sondern zuwartet, bis die Konkurrenz-Finanzplätze den Standard auch umsetzen. Spielraum gibt es nicht nur in Bezug auf die zeitliche Dimension, sondern auch in materieller Hinsicht, wobei diesbezüglich konsequent darauf zu achten ist, dass wir auf einen unnötigen Swiss Finish verzichten.

Ein weiterer Schwerpunkt am Bankiertag war das Thema der offenen Märkte. Gerade mit der EU harzt es aber.

Als liberale Vertreter offener Märkte fordern wir konsequent den Marktzugang und die Anerkennung der Äquivalenz einschlägiger schweizerischer Gesetze durch die EU. Die Entwicklungen in den Marktzugangsdossiers mit Blick auf einzelne Länder, insbesondere Italien und auch Frankreich, sind für uns in der Tat nicht zufriedenstellend. In der Äquivalenzfrage bewegt sich die EU aktuell noch viel zu langsam. Und wenn darüber hinaus auch bestehende etablierte Mechanismen in Frage gestellt werden, wie beispielsweise ob Fonds, die von Schweizer Instituten in der EU aufgelegt werden, in Zukunft noch das Portfolio Management aus der Schweiz heraus beziehen dürfen, dann müssen wir unsere Position deutlich machen und unser Gewicht selbstbewusst und nachdrücklich in die Waagschale werfen.

Die SBVg fordert eine Verknüpfung mit dem Kohäsionsbeitrag…

Der Bundesrat hat diesen Sommer kommuniziert, dass er im Herbst eine Gesamtbeurteilung aller bilateralen Dossiers vornehmen will und aufgrund der Fortschritte erneut prüfen wird, ob eine Fortsetzung der Vorbereitungsarbeiten für einen neuen Kohäsionsbeitrag angebracht ist. Aus Sicht der SBVg ist klar: Im Bereich der Äquivalenzanerkennung sind diese Fortschritte noch nicht erreicht worden. Die Gewährung des Kohäsionsbeitrages sollte deshalb weiterhin abhängig gemacht werden von der Anerkennung der Äquivalenz einschlägiger Schweizer Gesetze durch die EU.

Die Bankenbranche ist im Wandel. Und der Wandel ist schnell. Sind wir für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet?

Innovation ist ein Thema, das bei uns ganz oben auf der Agenda steht. Unsere Mitglieder denken Geschäftsmodelle neu. Wir sehen, dass ganze Wertschöpfungsketten aufbrechen. Unser Auftrag ist es, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die diesen Entwicklungen Freiraum bieten. Das bedeutet, dass wir als SBVg vorausdenken müssen und wir uns als Think Tank für die Rahmenbedingungen von Morgen verstehen. Der Bundesrat hat mit der Fintech-Regulierung einen ersten wichtigen Schritt gemacht, den wir sehr begrüssen. Die Digitalisierung bleibt eine grosse Herausforderung für die Banken, weshalb wir weiterhin an optimalen Rahmenbedingungen für Innovationen arbeiten müssen. Hier bringen wir uns frühzeitig und proaktiv in die Diskussion ein.