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Das Online-Magazin der Schweizerischen Bankiervereinigung
2017/09/21 09:40:00 GMT+2

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„Die Krisenwahrscheinlichkeit ist nicht Null“

„Die Krisenwahrscheinlichkeit ist nicht Null“

Markus Staub kennt die Bankenregulierung von vor, während und nach der Finanzkrise. Im Interview blickt er zurück auf zehn Jahre Regulierungs-Boom.

insight: Herr Staub, Sie sind seit vielen Jahren Leiter Bankenregulierung bei der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg). Welche Erinnerungen haben Sie an den Sommer 2007?

Markus Staub: Damals befanden wir uns in der Anfangsphase, gewissermassen kurz vor dem grossen Ausbruch, der jüngsten Finanzkrise. Noch im Mai 2007 hielt die US-Notenbank die Subprime-Krise für ein befristetes und überschaubares Phänomen: Damals hiess es, von den Problemen im Subprime-Sektor seien kaum signifikante Spillovers auf den Rest der Ökonomie und das Finanzsystem zu erwarten. Wie wir alle wissen, kam es kurz darauf ziemlich anders: Bereits im Spätsommer ist der Interbankenmarkt zusammengebrochen, und im September fand der Bank Run auf Northern Rock statt.

Markus Staub
Dr. Markus Staub, Leiter Bankenregulierung, SBVg
Bei der Bankiervereinigung bildeten Themen der Bankenregulierung natürlich auch vor zehn Jahren schon ein Schwergewicht unserer Aktivitäten. Damals stand die Umsetzung von Basel II im Vordergrund. Wobei bei den Eigenkapitalanforderungen für Kreditrisiken das Modellverfahren eingeführt wurde, also genau jene Ansätze und Modellierungen, die jetzt im Kontext von Basel III beziehungsweise IV diskutiert werden. Hingegen bestanden vor der Finanzkrise für die Liquiditätsregulierung noch keine internationalen Standards des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht. Auch im Bereich der Selbstregulierung waren wir an verschiedenen Fronten aktiv. So hatten wir beispielsweise im Jahr 2007 unsere „Empfehlungen für das Business Continuity Management“ entwickelt. Auch die Revision der „Richtlinien zur Sicherstellung der Unabhängigkeit der Finanzanalyse“ stammt aus dieser Zeit.

Verschiedene Regulierungsthemen ziehen sich als roter Faden durch die letzte Dekade. Die Intensität der regulatorischen Reaktionen, welche auf internationaler wie nationaler Ebene in den weiteren Jahren folgen sollten, hat aber auch uns überrascht. 

Wie bewerten Sie in der Rückschau die Schweiz und ihre Banken? Kann man tatsächlich sagen, die Banken hätten die Finanzkrise im internationalen Vergleich gut überstanden?

Ja, insgesamt kann man das so sagen. Die Bankenbranche hat ihre Funktionen erfüllt und insbesondere die Kreditversorgung der Wirtschaft in der ganzen Zeit sichergestellt. Staatliche Rettungspakete waren ohne Belastung des Steuerzahlers möglich. Auf dem Immobilien- und Hypothekarmarkt bestanden phasenweise einzelne „Hot Spots“, doch eine eigentliche Immobilienblase war in der Schweiz auch in den letzten Jahren glücklicherweise nicht zu beobachten. Der Finanzsektor hat sich insgesamt als verhältnismässig robust beziehungsweise resilient erwiesen.

Die Bankenbranche hat ihre Funktionen erfüllt und die Kreditversorgung in der ganzen Zeit sichergestellt.

Allerdings ist die Finanzkrise natürlich auch an der hiesigen Bankenlandschaft nicht spurlos vorbei gegangen. Im Gegenteil, es hat eine substantielle Konsolidierung stattgefunden, welche auch mit den intensiven Verschärfungen der Bankenregulierung zu tun hat. Der Finanzplatz Schweiz hat in verschiedenen Bereichen zu einem frühen Zeitpunkt regulatorische Anpassungen in Kraft gesetzt, so insbesondere mit dem schweizerischen Massnahmenpaket zu „Too big to fail“, spezifisch für systemrelevante Banken. Wir waren also, je nach Interpretation, Pionier oder Musterschüler.

Die NZZ hat kürzlich eindrücklich aufgezeigt, wie stark die Regulierung von Eigenkapital und Liquidität in den letzten zehn Jahren angestiegen ist. Haben die Aufseher damit tatsächlich für mehr Stabilität im internationalen Finanzsystem gesorgt?

Habe ich bei diesem Interview auch einen Joker? Nein, Spass beiseite: Die Dichte und Granularität der gewählten Verschärfungen ist tatsächlich sehr eindrücklich – und aus unserer Sicht auch besorgniserregend. Die Analyse der NZZ illustriert dies anhand der Explosion des Textumfangs von Basel I über Basel II zu Basel III.

Die Stabilisierung der einzelnen Bank führt nicht automatisch zu einem stabilen Bankensystem.

Damit ist eine teilweise groteske Komplexität verbunden, welche zu sehr hohen Umsetzungskosten führt. Selbstverständlich dürfte Basel III zu einer Verbesserung der Systemstabilität beigetragen haben. Vor allem musste aus der Finanzkrise die zentrale Lehre gezogen werden, dass die Stabilisierung der einzelnen Bank nicht automatisch zu einem stabilen Bankensystem führt. Mit anderen Worten gibt es auch aus einer ökonomischen Perspektive gute Gründe für sogenannt makroprudentielle Regulierung, also die Bemühungen zur Stabilisierung des Systems als Ganzes.

Hingegen erfolgt die Abwägung zwischen dem volkswirtschaftlichen Nutzen und den Kosten zusätzlicher Regulierung häufig nur sehr rudimentär. Für die Zukunft sind aussagekräftigere, methodisch überzeugende und frühzeitige Wirkungsprognosen beziehungsweise. Kosten/Nutzen-Analysen notwendig, um den „ökonomischen Blindflug“ zu verhindern.

Einiges hat sich also tatsächlich verbessert.

Verschiedene Probleme haben gelöst oder mindestens wesentlich entschärft werden können. Die Verbesserung der Anreize im Bereich „Too big to fail“, die Modernisierung der Liquiditätsregulierung oder die verbesserte Selbstregulierung im Bereich des Immobilien- und Hypothekargeschäfts sind wesentliche Beispiele.

Die nächste Finanzkrise wird vermutlich aus einer anderen, unerwarteten Ecke kommen.

Das grundlegende Problem ist allerdings, dass der politisch-regulatorische Aktivismus auf Erfahrungen mit vergangenen Krisen ausgerichtet ist. Dabei werden Massnahmen getroffen, welche bestenfalls die vergangene Krise hätten vermeiden können. Die nächste Finanzkrise wird jedoch aller Voraussicht nach aus einer anderen, vermutlich eben unerwarteten Ecke kommen. Dieser „Elefant im Raum“ ist im Moment vielleicht noch durchsichtig.

Lassen sich Krisen denn überhaupt verhindern?

Leider nein. Die vollständige Verhinderung von Banken- und Finanzkrisen ist meines Erachtens nicht möglich. Das Bankgeschäft ist per Definition mit Risiko und Risikomanagement verbunden. Eine echte Krisenverhinderung im Sinne einer Reduktion der Krisenwahrscheinlichkeit auf Null wird auch in Zukunft nicht realistisch sein.

Eine „Null-Toleranz“ ist nicht anzustreben. 

Wichtig ist jedoch, dass die vollständige Krisenvermeidung aufgrund der hohen Vermeidungskosten volkswirtschaftlich auch gar nicht optimal wäre. Der Finanzsektor ist verschiedenen exogenen Schocks ausgesetzt. Gegen einen Teil dieser Schocks ist er dabei robust und übersteht sie gut. Eine Immunisierung gegen sämtliche Risiken wäre demgegenüber nicht möglich, und eine solche „Null-Toleranz“ ist auch nicht anzustreben. 

Welche Tendenzen wünscht sich die Bankbranche in der Regulierung, wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken?

Wir befinden uns an einem interessanten Scheidepunkt. Insbesondere darf die Regulierungsdynamik der letzten Jahre nicht in ungebremstem Tempo weitergehen. Der Fokus muss nun auf einer differenzierten und wirksamen Umsetzung liegen.

In den kommenden Monaten werden zahlreiche Regulierungsprojekte auf den Bankensektor zukommen. Beispiele sind die Abschlussarbeiten zu Basel III und Basel IV, die Revision des Einlegerschutzes, Anpassungen im Prüfwesen oder bei der Rechnungslegung. Es bleibt zu hoffen, dass bei diesen Projekten Verhältnismässigkeit und ein gesundes Augenmass im Vordergrund stehen.

Die Regulierungsdynamik der letzten Jahre darf nicht in ungebremstem Tempo weitergehen.

Konkret wünschen wir uns, dass bei der Ausgestaltung der Regulierung vermehrt auch Aspekte der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Berücksichtigung finden. Wir wollen gleich lange Spiesse wie andere Finanzplätze.  Dabei muss in materieller wie zeitlicher Hinsicht auf einen Swiss Finish beziehungsweise auf vorauseilenden Gehorsam verzichtet werden. Zusätzlich scheint uns wichtig, dass der Dialog zwischen Regulatoren und Regulierten in offener und konstruktiver Weise fortgeführt werden kann und die Branche systematisch in die Ausarbeitung der Regulierung einbezogen wird.