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2017/06/21 14:10:00 GMT+2

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Vollgeld oder die Verstaatlichung des Kreditwesens

Vollgeld oder die Verstaatlichung des Kreditwesens

Die Vollgeld-Initiative kommt im Kleid einer Anti-Banken-Initiative daher, will aber eigentlich etwas ganz anderes. Auf der populistischen Welle des Banken-Bashings reitend wollen die Initianten einen fundamentalen Systemwechsel der Wirtschaft herbeiführen.

Was macht eine Bank eigentlich? Eine Bank – egal ob eine Gross- oder Regionalbank – bietet die Fristentransformation als zentrale Dienstleistung an. Ohne dieses Kernstück der Bankentätigkeit wäre keine Wirtschaft möglich, die auf die Kreditvergabe angewiesen ist. Wenn Geld das Blut der Wirtschaft ist, dann ist die Bank das Herz. Ende 2015 wurde eine Volksinitiative eingereicht, die diesen seit Jahrhunderten existierenden Kreislauf fundamental verändern will. Die Gruppe der Initianten umfasst auch zahlreiche Personen aus dem Ausland, welche das Schweizer Initiativrecht für ein weltweit einzigartiges, noch nie durchgeführtes Experiment missbrauchen.

Vollgeld will nichts weniger als die Verstaatlichung des Kreditwesens.

Die Vollgeld-Initiative, über die die Schweiz in rund einem Jahr abstimmen wird, ist ein Totalangriff auf die gesamte Wirtschaft. Die Initiative kommt im Kleid einer Anti-Banken-Initiative daher, will aber eigentlich etwas ganz anderes. Auf der populistischen Welle des Banken-Bashings reitend wollen die Initianten einen fundamentalen Systemwechsel herbeiführen. Vollgeld will nichts weniger als die Verstaatlichung des Kreditwesens.

Kreditmenge planwirtschaftlich bestimmt

Die Kreditmenge würde zentral planwirtschaftlich bestimmt. Wie das? Die Banken sorgen heute dezentral und in Kenntnis ihrer Kunden und deren Projekte für die richtige Kreditmenge. Vollgeld verzichtet gänzlich auf diese ausgezeichnet funktionierende Steuerung der Kreditvergabe durch den Markt. Planwirtschaftlich würde das Kreditangebot inskünftig von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hochgradig zentralisiert und durch äusserst anspruchsvolle Entscheide für die gesamte Wirtschaft bestimmt.

Die gesamte Wirtschaft würde sich zurückentwickeln.

Kredite könnten von den Geschäftsbanken nur noch durch langfristig angelegte Ersparnisse oder Verschuldung auf dem Kapitalmarkt finanziert werden. Sichteinlagen oder Kontokorrent-Einlagen könnten nicht als Kredite weitergegeben werden. Im besten Fall wird der Kredit im Vollgeldsystem bürokratischer, er verteuert sich und die Abwicklung dauert wesentlich länger. Im schlechtesten Fall kommt der Kunde gar nicht zu einem Kredit, obwohl die Kreditwürdigkeit gegeben und das Projekt unterstützungswürdig wäre. Die gesamte Wirtschaft würde sich zurückentwickeln. Ein Ausweichen in fremde Währungen wäre absehbar.

Was kann eine Bank dann noch tun? Sie würde überflüssig, respektive zu einem Beratungsdienstleister degradiert. Dies würde zu einer massiven Reduktion der Beschäftigung und zum Einbrechen der Steuereinnahmen des Staates führen.

Banken haben eine Informationspflicht

Die meisten Argumente der Initianten sind derart unverständlich, dass sie sich auf die wenigen fokussieren werden, die einigermassen verständlich sind: die Bankenkritik. Das latente Unbehagen gegenüber Banken kann mit vereinfachenden Aussagen bequem mobilisiert werden. Die Diskussion wird an die Finanzkrise und damit an ein bewältigtes, aber von den Stimmbürgern erlebtes und emotional immer noch aufgeladenes Problem anknüpfen.
Dabei kommt den Banken eine zentrale Informationsrolle zu. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden sich für mehr Informationen an ihre Ansprechperson bei ihrer Bank wenden.

Der folgende Film der SBVg erklärt die Rolle, die Banken im Geldkreislauf haben:

Ewald Kornmann sagt
23.09.2017 08:31

Die Bankiervereinigung sollte nicht mit so einfach zu widerlegenden Falschaussagen argumentieren, wenn sie glaubwürdig bleiben will. Oder soll es sich hier um „Fake-News“ und billigste Propaganda handeln?

Hier einige dieser Punkte etwas im Detail:
1) Es geht keinesfalls um eine Verstaatlichung der Banken. Es geht darum, wer das Geld in Umlauf bringt. Das ist etwas ganz anderes. Es spricht ja auch niemand von der Verstaatlichung des Strassentransports nur weil Bund, Kantone und Gemeinden die Strassen bauen und unterhalten und nicht die Tranportunternehmen selber.
2) „Kreditmenge planwirtschaftlich bestimmt“. Schon heute gibt es einen bewährten Ablauf der die Geldversorgung der Banken durch die SNB genau beschreibt. Es sind die Offenmarktoperationen, die die SNB permanent durchführt. Also kennt die SNB sehr genau die Nachfrage und kann ihr Angebot danach richten. Analog dem Strassenbau. Auch dieser ist ja wohl demnach „planwirtschaftlich“ bestimmt. Wenn man die gleichen Kriterein anlegen würde wie in obigem Text.
3) Banken bieten nicht nur die „Fristentransformation als zentrale Dienstleistung“ an, sondern sie erzeugen durch die Kreditvergabe neue Guthaben, die natürlich sofort verfügbar sein müssen, denn sonst würde ein Kredit keinen Sinn ergeben. Die zentrale Dienstleistung einer heutigen Bank ist, dass sie durch Kreditvergabe Guthaben erzeugt, die vorher nicht existierten.
4) Da permanent auch Kredite zurückgezahlt werden, erhalten die Banken auch permanent wieder Gelder die sie als neue Kredite vergeben können. Es wird nicht für jeden neuen Kredit „frisches Geld“ in Form von Bankanleihen, langfristigen Einlagen oder von der SNB benötigt.

Rechtlich bewegen wir uns beim Geldwesen immer noch in der Zeit vor der Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs.
Sonst müsste die Einführung des SNB Buchgeldes auch für Nichtbanken als rein technischer Nachvollzug des technischen Fortschrittes von den Banken gefördert werden. Genau gleich wie der Übergang von privaten Banknoten zu SNB Banknoten ab 1907. Oder der Erklärung von Banknoten zu gesetzlichen Zahlungsmitteln 1948.

Markus Meyer sagt
23.09.2017 09:11

Der Abstimmungskampf hat begonnen und es ist üblich, seine Position klar darzulegen. Nicht üblich sollte es sein, den Initianten der Vollgeld-Initiative Dinge zu unterstellen, die falsch sind. Wenn Insight zu diesen Tricks greift, zeigt dies nur eines: Die beiden Grossbanken UBS und CS haben Angst, dass die Schweizer Bevölkerung, dank dieser Initiative zu begreifen beginnt, welch gigantische Umverteilung von Vermögen stattfindet ohne dass hierfür auch nur die geringste Leistung erbracht würde. Die Vollgeld-Initiative wird dies korrigieren und zwar zum Wohle der Unternehmen und der gesamten Bevölkerung. Denn nicht die Banken sind das Herz unserer Wirtschaft sondern die Menschen, die täglich ihre Arbeit verrichten.

Schweizerische Bankiervereinigung sagt
26.09.2017 17:17

Es ist an den Initianten, mit Fakten zu belegen, dass ein Vollgeldsystem in der Schweiz tatsächlich zum Wohle der Unternehmen und der gesamten Bevölkerung wäre. Allerdings gibt es dazu gerade einmal eine einzige Studie - und diese geht von substantiellen Verlusten für die gesamte Wirtschaft aus. Am stärksten betroffen sind die gewöhnlichen Einleger: http://www.swissbanking.org/de/medien/statements-und-medienmitteilungen/vollgeldinitiative-studie-zeigt-folgen-fuer-die-schweiz

Amalia sagt
27.09.2017 18:48

1. Mindestreserve: Seit den - die Pflicht zur Gewährleistung der Preisstabilität missachtenden - Euro-Käufen der SNB sind die Giroguthaben der Banken bei der SNB explodiert. Teilt man die Menge an Giroguthaben der Banken durch 2.5 und multipliziert diese mit 100 erhält man die gestütz auf die jetztigen Mindestreserven mögliche Geldschöpfung. Stellt man das Ergebnis dann der jetzigen Menge an Geschäftsbankenbuchgeld gegenüber, erfährt man das gegenwärtige Geldschöpfungspotential der Banken in Schweizerfranken: Das sind über 18´000´000´000´000.- CHF!!! Gegenwärtig ist den Banken damit aufgrund der "die Buchgeldschöpfung einschränkenden" Mindestreserve knapp die 30fache Vermehrung der jetzigen Geldmenge M1 möglich!!! Übrigens entsprach die Mindestreserve bis zu den Eurostützkäufen der SNB ziemlich genau 2.5% der Kundenguthaben, d.h. die Erfüllungspflicht belief sich regelmässig auf unter 130%.

2. Referenzzinssatz: Abgsehen davon, dass die Banken dank ihren hohen Giroguthaben bei der SNB nicht mehr auf zusätzliches Geld angewiesen sind, liesse das gegenwärtig Zinsniveau ohnehin nicht viel Steuerungs-Spielraum.

3. Liquiditäts- und Eigenmittelvorschriften: Bezüglich Liquidität sei auf die Giroguthaben verwiesen. Bezüglich Eigenmittelvorschriften an die CS Aktienkapitalerhöhung zu erinnern. Wer Geld schöpfen kann, vermag, wie von der CS eindrücklich demonstriert, einem Kunden einen Kredit zu "zaubern", mit dem dieser dann die frischen Aktien kaufen kann, womit das Eigenkapital wieder aufgestockt wäre und die "einschränkenden" Vorschriften eingehalten.

4. Kreditwürdigkeit: Hat nicht direkt mit der Geldschöpfung zu tun, da Geld auch durch Ausgaben der Bank selbst geschöpft werden kann. Dennoch bedarf die Geldschöpfung durch Kreditvergabe einen geeigneten und gewillten Kunden. In diesem Licht sind auch die aufdringlichen Konsumkreditwerbungen zu betrachten, wie bspw. von der CS Tochter Bank-Now. Deren Kredite sind weder gedeckt, noch ist sie durch die Mindestreserve beschränkt, da ihr Verpflichtungen auf Sicht gegenüber Banken und nicht Kunden bestehen.

Fazit: Wer selbst Schweizerfranken schöpfen bzw. herstellen kann, vermag grundsätzlich jede Vorschrift auszuhebeln! Selbst wenn die Giroguthaben der Banken bei der SNB nicht ein derartiges Volumen hätten, könnten die Banken mit selbst gemachtem Buchgeld Wertschriften kaufen und diese dann der SNB gegen Giroguthaben bzw. Mindestreserven via Repo "verkaufen", welche wiederum als 2.5%-ige Grundlage für die Schöpfung weiterer Schweizerfranken dienen kann.

Selbst wenn die Vollgeld-Initiative nicht angenommen wird, muss das jetztige System geändert werden, denn gegenwärtig hat die SNB keine rechtlichen Möglichkeiten mehr, auf die Geldmenge und die Geldschöpfungstätigkeit der Banken Einfluss zu nehmen. Somit liegt es in den Händern der Banken, ob bei uns eine Inflation oder Deflation herrscht, ob Gesamtwirtschaftlich oder nur partiell, wie Immobilienblasen oder Finanzmarktblasen. Eine Inflation verursacht durch übermässige Buchgeldschöpfung der Banken entwertet das gesamte "Schweizerfranken-Geld", selbst jenes in Form des gesetzlichen Zahlungsmittels, also dem offiziellen Landesgeld. In einem Land wie der Schweiz sollte es doch möglich sein, sein Geld in der offiziellen Landeswährung aufbewahren zu können, ohne der Willkür gewinnorientierter privater Unternehmen, den Banken, ausgeliefert zu sein. Kommt in einer freien Marktwirtschaft neben der Wirtschaftsfreiheit nicht auch der Eigentumsgarantie eine sehr zentrale Bedeutung zu?
Ausserdem ist es nicht einzusehen, weshalb ein privater Wirtschaftsteilnehmer, wie die Banken es sind, den Schweizerfranken selbst herstellen dürfen, während jede andere juristische oder natürliche Person für Geld arbeiten oder dieses gegen Zinsen von den Banken ausleihen muss.

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