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2018/04/10 01:10:00 GMT+2

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„Verlierer eines Vollgeld-Experiments wären die Kunden“

„Verlierer eines Vollgeld-Experiments wären die Kunden“

Martin Scholl, Chef der Zürcher Kantonalbank ZKB, beschreibt im Interview mit insight, welche Folgen eine Annahme der Vollgeld-Initiative für sein Institut sowie die Kundinnen und Kunden hätte.

Martin Scholl ist seit 2007 Vorsitzender der Generaldirektion der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Die ZKB ist im Geschäft mit Hypotheken und Firmenkrediten eine der wichtigsten Banken der Schweiz, sie gilt als systemrelevantes Institut. Die Auswirkungen eines Vollgeld-Systems bekämen die ZKB und ihre Kunden unmittelbar zu spüren. Das Schweizer Stimmvolk stimmt am 10. Juni 2018 über die Initiative ab.

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Martin Scholl, Vorsitzender der Generaldirektion, ZKB
insight: Martin Scholl, haben Ihre Kundenberater viele Anfragen von Kunden, worum es bei der Vollgeld-Initiative geht?

Martin Scholl: Je näher die Abstimmung kommt, desto mehr Kundinnen und Kunden interessieren sich für das Thema, und natürlich fragen sie auch ihre Bank, was von der Vorlage zu halten ist. Unsere Kundenberater sind über das Thema informiert, so dass sie Auskunft geben können. Wir sprechen bewusst auch die Mitarbeitenden ohne Kundenkontakt an, denn auch sie werden im Bekannten- und Freundeskreis auf die Initiative angesprochen.

 

Welche Gefahren sehen Sie insbesondere für Ihre Kunden?

Die Vollgeld-Initianten argumentieren zwar gegen die Banken, doch schlussendlich würde eine Annahme der Initiative vor allem die Kunden treffen – alle Sparer, Hypothekarkunden und Kreditnehmer. In einem Vollgeld-System würde die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte teurer, bürokratischer und langwieriger. Kredite dürften nicht mehr durch Sichteinlagen finanziert werden. Das engt den Spielraum der Banken für die Kreditvergabe ein und verteuert die Kredite.

Welche Folgen hätte es für Ihr Geschäftsmodell, wenn die Schweizer Wirtschaft sich auf ein Vollgeld-System umstellen müsste?

Ich bin überzeugt: Die Umstellung auf Vollgeld würde zu teureren Bankdienstleistungen und schlussendlich auch zu Arbeitsplatzabbau führen. Das Kreditgeschäft würde sich stark auf Risikobeurteilung und Abwicklung verengen. Als die Bank der Zürcherinnen und Zürcher, die eng mit dem Leben im Kanton verknüpft ist, bekäme die lokale Wirtschaft eine Änderung des Geschäftsmodells stark zu spüren.

Die Initianten behaupten, Vollgeld würde vor allem die international ausgerichteten Grossbanken betreffen und weniger die Inlandbanken. Sie leiten eine regional systemrelevanten Bank. Was ist dran an der Behauptung der Initiative?

Ein Vollgeld-System würde alle Banken treffen, gerade auch kleinere und mittlere Banken, da das Zinsgeschäft für sie besonders wichtig ist. Sie wären in diesem Kerngeschäft stark eingeschränkt. Eine Refinanzierung auf den Geldmärkten ist für diese Banken schwierig. Gefährdet wäre damit die Vielfalt des schweizerischen Finanzplatzes, zu der die Regional- und Kantonalbanken gehören.

Wie beurteilen Sie die Zielsetzung der Initianten, mit einem Wechsel aufs Vollgeld-System zur Finanzplatzstabilität beizutragen?

Der Wechsel auf ein Vollgeld-System ist der falsche Weg. Das Stabilitätsziel kann durch wirksamere Mittel erreicht werden: Mit den getroffenen Massnahmen zur Verbesserung der Liquidität und der Eigenmittelunterlegung der Banken wurde im Nachgang zur Finanzkrise ein Grossteil der Ziele bereits erreicht. Damit haben Banken genügend hohe Puffer, falls sie in Schwierigkeiten geraten. Kundengelder auf Bankkonten sind zudem zusätzlich durch die Regelungen zum Einlegerschutz geschützt. Schliesslich werden Banken im Hinblick auf Risiken durch die FINMA beaufsichtigt.

Wie bewerten Sie persönlich die Vollgeld-Initiative?

Das heutige Geldsystem funktioniert bestens, es gibt keinen Grund dieses zu ändern. Verlierer eines solchen Experiments wären unsere Kundinnen und Kunden, unsere Mitarbeitenden und natürlich auch unser Eigentümer, der Kanton Zürich.

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16.04.2018 03:29

Von verschiedensten Zentralbanken, von der SNB und von vielen Privatbanken wurde klargestellt, wie die Geld heute bei der Kreditvergabe durch Bilanzverlängerung entsteht – was ca. 90% der Geldmenge ausmacht. Sichteinlagen sind dazu nicht notwendig, im Gegenteil, sie sind für jede Bank die risikoreichste, weil kurzfristigste Verbindlichkeit.

Es spielt auch keine Rolle, ob eine Bank Sichteinlagen zu Nullzinsen erhält, oder ob sie zu Nullzinsen Darlehen von der Nationalbank (SNB) erhält. Am Zinsgeschäft ändert dies nichts. Bei Zinserhöhungen wird die SNB die unter Vollgeld zu erwartende nötige Zinsmarge in ihre Berechungen einbeziehen, im Gegenzug erhält sie mit Vollgeld die Steuerungsmöglichkeiten durch Leitzinsen etc. zurück, die sie wegen der Umgehungsmöglichkeiten durch Interbankenkredite etc. vor 2008 ganz verloren hat (Interview mit einem gestandenen BIZ-Ökonom vor Kurzem in der Handelszeitung: Beispiel der FED im Vorfeld der Krise von 2008).

Kredite an Unternehmen und Haushalte können genau gleich schnell bearbeitet werden, denn mit oder ohne Vollgeld vergeben Banken zuerst Kredite und refinanzieren sie erst danach. Die SNB wird unter Vollgeld die notwendigen Darlehen an Banken unverzüglich gewähren. Sie kann jedoch unter Vollgeld Schritt für Schritt – analog zur Praxis im Versicherungsbereich – ein Bonus-malus-System zur Verbessreung der Allokation, zur Blasenprävention etc. entwickeln.

Herr Scholl unterschlägt, dass heute (unter Fractional Rreserve Banking) neues Geld durch Kreditvergabe erst dann refinanziert werden muss, wenn es die Bank verlässt. Dadurch sind grössere Banken im heutigen System gegenüber kleineren systemisch bevorteilt – je grösser die Bank, desto mehr Geld bleibt bei einem Kredit im Haus und wechselt nur auf ein anderes Konto. Hinzu kommt noch, dass die vielgepriesenen Massnahmen zur Verbesserung der Liquidität und Eigenmittelunterlegung mit viel Kontrollaufwand und Umgehungsmöglichkeiten verbunden sind. Basel I war noch ein Heft, Basel III ist schon ein voller Ordner und Basel IV etc. stehen vor der Tür. Solche die Bürokratie aufblähenden Regulierungen sind viel aufwändiger und teurer als effiziente Spielregeln, die durch Vollgeld ermöglicht werden. Je kleiner eine Bank, desto mehr wird sie dadurch benachteiligt. Leider funktioniert das Geldsystem bei Weitem nicht so gut, wie Herr Scholl uns beruhigen möchte.

Er unterschlägt die stark prozyklische Kreditvergabe – und damit die prozyklische Geldschöpfung, die spätestens seit der Findung des Fractional-Reserve-Mechanismus im Vorfeld der Amsterdamer Tulpenblase alle wichtigen Krisen prägte. Er unterschlägt auch, dass das dadurch notwendig gewordene Quantitative Easing (QE, die Geldmengenausweitung der Zentralbanken nach 2008, die eben jene Liquidität bereitstellen musste, die Herr Scholl als Lösung lobt) indirekt zu Verwerfungen wie massiven Miet- und Hypothekarzinserhöhungen und damit Konsumeinbrüchen führen wird, sobald die Zinsen erhöht würden.

Die Sachzwänge rund um QE führen in der Öffentlichkeit zu folgenschweren Missverständnissen und falschen Schuldzuweisungen an die Zentralbanken, z.B. in der Griechenland und in der Eurokrise, aber genauso auch bei uns.

Herr Scholl unterschlägt weiter, dass Banken in nicht unbedeutendem Ausmass Assets mit selbst geschöpftem Geld kaufen können – durch Bilanzverlängerung – und dass dies eine relevante Verzerrung des Wettbewerbs zu Nicht-Banken mit sich bringt. Auch hier gilt, je grösser die Bank, desto eher bleibt das neu geschaffene Kredit-Geld im Haus und muss solange nicht refinanziert werden. Auch in dieser Hinsicht sind kleinere Banken im Fractional-Reserve-System klar benachteiligt.

Das heutige Geldsystem ist in vieler Hinsicht weder wettbewerbsneutral noch verteilungspolitisch neutral. Ein wahrhaft liberales und demokratiewürdiges Geldsystem müsste aber genau dies sein. Diesem Ziel bringt uns Vollgeld näher. Zumindest die genannten systemischen Wettbewerbsverzerrungen verschwinden durch Vollgeld. Es wird Zeit, eine konkretere und offenere Erörterung zum Geldsystem und den Zusammenhängen mit der Geldherstellung zu führen und so die Versäumnisse der Zeit vor 2008 nachzuholen anstatt vorwiegend Symptome und notwendige strukturelle Bereinigungen zu bekämpfen: Die strukturellen Bereinigungen durch die Digitalisierung und Fintech werden die Banken mit wesentlich grösseren Herausforderungen konfrontieren.

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