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Das Online-Magazin der Schweizerischen Bankiervereinigung
2018/04/10 01:10:00 GMT+2

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Die vierte industrielle Revolution und die Banken

Die vierte industrielle Revolution und die Banken

Die Digitalisierung prägt auch die Entwicklung in der MEM-Industrie. Was bedeutet das für die Bankfinanzierung von KMU? Die Branchenverbände SBVg und Swissmem sind sich einig: Industrie 4.0 ist eine grosse Chance für den Werk- und Finanzplatz Schweiz, der Wandel fordert aber beide Seiten heraus.

Die Digitalisierung als Innovationstreiber in Wirtschaft und Gesellschaft hat auch die produzierende Industrie erfasst. Der Begriff "Industrie 4.0" steht für die vierte industrielle Revolution, mit der auf Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung nun Digitalisierung und Vernetzung folgen. Konkret bedeutet Industrie 4.0 den Einbezug neuer Technologien in den Wertschöpfungsprozess und die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle.

Eine Analyse zeigt die Implikationen von Industrie 4.0 für den Werk- und Finanzplatz.

Die Umstellung eines KMU von "analog" auf "digital" ist ein komplexer Prozess, der von Unternehmerinnen und Unternehmern hohe Innovationsbereitschaft erfordert. Die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Bankfinanzierung von KMU sind trotz zusätzlichem Investitionsbedarf bisher wenig beachtet. Eine gemeinsame Analyse der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) und Swissmem zeigt die Implikationen von Industrie 4.0 für den Werk- und Finanzplatz und stellt exemplarisch zentrale Herausforderungen für die mit dem Kreditgesuch respektive mit dem Kreditentscheid betrauten Stellen innerhalb der KMU und der Banken dar.

Besseres Verständnis von digitalen Geschäftsmodellen nötig

Die Untersuchung der beiden Spitzenverbände von Banken und MEM-Industrie zeigt deutlich: Die Finanzierung der Industrie 4.0 fordert die kreditsuchenden KMU und die kreditgebenden Banken gleichermassen heraus.

Banken müssen sie über ein profundes Verständnis digitalisierter Geschäftsmodelle verfügen.

Die Banken sehen sich mit der Frage konfrontiert, wie Investitionen in sogenannte immaterielle Vermögenswerte (z.B. Software, Produktionsprozesse usw.) zu beurteilen sind. Zusätzlich wirken sich Investitionen in Industrie 4.0 in der Regel über die Grenzen der unmittelbar kreditsuchenden Unternehmung hinweg aus, da die Lieferanten und Kunden viel stärker als früher in die Wertschöpfungskette eingebunden werden (Netzwerk-Effekte). Wollen Banken zuverlässig abschätzen können, ob der Kreditnehmer mit seinem Business-Modell genügend Gewinne erzielt, um die Kreditzinsen und Tilgungsraten zu begleichen, müssen sie über ein profundes Verständnis digitalisierter Geschäftsmodelle verfügen. Um mit der beschleunigten Transformation und den entsprechenden Technologieschüben mithalten zu können, müssen Banken verstärkt in die Ausbildung von Kundenberatern sowie der mit der Kreditbewilligung betrauten Stellen investieren.

Investitionsbedarf besser erklären

Der Erfolg eines Kreditgesuches hängt aber auch – und insbesondere – im Zeitalter der Industrie 4.0 vom kreditsuchenden KMU selbst ab. Dieses hat insofern eine Bringschuld, als es den potenziellen Mehrwert eines Digitalisierungsprojekts möglichst plausibel und nachvollziehbar darstellen muss. Ausführliche Budgets und finanzielle Mittelfristpläne helfen der Bank wenig, wenn sie damit kein genügendes Verständnis der Chancen und Risiken des Geschäftsmodells zu gewinnen vermag. Eine umfassende Dokumentation des Geschäftsmodells, eine hohe Qualität der Entscheidungsgrundlagen und ein überzeugender Auftritt der Geschäftsleitung sind deshalb zwingend erforderlich.

KMU müssen Digitalisierungsprojekte möglichst plausibel und nachvollziehbar darstellen.

Banken werden sich bei der Kreditgewährung auch zukünftig auf die bewährten Kriterien der Bonität und der Verschuldungskapazität stützen können. Um dem mittel- und langfristigen Charakter einer Investition in ein Digitalisierungsvorhaben gerecht zu werden, sind die relevanten Entscheidungskriterien idealerweise auf einen längeren Zeitraum auszulegen.

Regelmässiger Austausch zwischen Bank und KMU

Digitalisierung bietet zweifelsfrei den einzelnen Unternehmen wie auch dem gesamten Werk- und Finanzplatz ungeahnte Chancen. Für das Gelingen der digitalen Transformation sind ein regelmässiger Erfahrungsaustausch und der Aufbau einer sachlichen Dialogkultur zwischen Bank und KMU von grosser Bedeutung. Das gilt umso mehr, als sich die Digitalisierung noch weiter beschleunigen wird. Die SBVg und Swissmem haben mit der vorliegenden Analyse einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. Die beiden Branchenverbände sind bestrebt, die Herausforderungen, die sich im Kontext der Finanzierung von Industrie 4.0 stellen, partnerschaftlich und vorausschauend anzugehen.

Die gemeinsame Analyse der SBVg und Swissmem ist ab sofort unter www.swissbanking.org sowohl in deutscher als auch französischer Sprache verfügbar.