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2017/03/29 07:00:00 GMT+2

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PSD2: Revolution in der EU, Schreckgespenst für die Schweiz?

PSD2: Revolution in der EU, Schreckgespenst für die Schweiz?

Was kommt mit der PSD2 an Neuem auf die europäischen Banken zu und wie sind die Schweizer Banken davon betroffen?

Europa wird mit der zweiten Edition der Payment Services Directive, kurz PSD2, die Spielregeln im Zahlungsverkehr neu gestalten. Als Nachfolgerin der ersten Payment Services Directive (2007/64/EG) berücksichtigt die PSD2 die bisherigen IT-technischen Entwicklungen im Zahlungsverkehr, aber auch den Eintritt neuer Marktteilnehmer. Etwas detaillierter heisst das:  

  • Die PSD2 regelt neu den Zahlungsverkehr via Internet und Mobiltelefon,
  • statuiert strengere Sicherheitsanforderungen im Zahlungsverkehr,
  • erhöht den Konsumentenschutz durch die Verringerung der Haftung bei nicht autorisierten Zahlungen sowie das bedingungslose Erstattungsrecht bei Lastschriften
  • und öffnet den Markt für neue, bewilligungspflichtige Zahlungsverkehrsdienstleister.

Vor allem Letzteres hat viel Aufsehen im EU-Bankenmarkt nach sich gezogen.

Neue Zahlungsdienstleister in Europa

Als neue Zahlungsdienstleister sind einerseits Zahlungsauslösedienstleister, zum Beispiel SOFORT, und andererseits Kontoinformationsveredler, zum Beispiel Software zur Verwaltung mehrerer Bankbeziehungen, vorgesehen. Beide sind darauf angewiesen, dass sie Zugang zu den entsprechenden Kontoinformationen der Banken erhalten. Da die PSD2 am 18. Januar 2016 in Kraft getreten ist und bis 18. Januar 2018 in nationales Recht umgesetzt werden muss, sind die Vorbereitungsarbeiten in den einzelnen Mitgliedstaaten zurzeit voll im Gange.

Der Teufel im Detail   

Dabei bleiben Grabenkämpfe über die Ausgestaltung der konkretisierenden, noch zu erlassenden technischen Standards zwischen den neu eintretenden Zahlungsverkehrsdienstleistern und den etablierten Banken nicht aus. Zwar enthält die PSD2 bereits verschiedene wichtige Grundsätze, doch der Teufel steckt wie so oft im technischen Detail. Solche Detailteufel können für die ökonomischen Aussichten des Geschäftsmodells der Zahlungsauslösedienstleister sehr entscheidend sein.

Die Details können für die ökonomischen Aussichten eines Geschäftsmodells entscheidend sein.

Zum Beispiel tobt zur Zeit der Kampf um die Frage, ob die Zahlungsauslösedienste direkt wie der Kunde und an dessen Stelle vollen Zugang zum elektronischen Bankkonto erhalten dürfen, was bedeuten kann, dass diese Dienstleister auch zu allen Bankkonten und -depots der elektronischen Kundenbeziehung Zugang haben. Das entspricht in etwa der Kombination von der Aushändigung eines Blankochecks an den Zahlungsdienstleister zusammen mit sämtlichen Kontoauszügen, die einerseits Auskunft über sämtliche Vermögenswerte geben und andererseits auch über sämtliche Zahlungsposten wie Miet- und Lohnzahlungen und weiteres. Oder die neuen Zahlungsdienstleister erhalten „nur“ einen beschränkten, separaten elektronischen Zugriff, der für sie einerseits nur beschränkte Informationen einsehbar macht und es andererseits auch nur mit neuerlicher Zustimmung der Bank und/oder des Kunden zulässt, eine Zahlung auszulösen. Das wäre sozusagen die Auskunft, dass für diese Zahlung genügend Geld auf diesem einen Konto vorhanden ist und beinhaltet ausserdem ein Kontrollelement für den Kunden und/oder die Bank, dass diese Zahlung auch ausgeführt werden darf. Es ist klar, dass die zweite Lösung für die Bank technisch aufwändiger, aber für den Kunden auch sicherer ist. Für den Zahlungsauslösedienstleister ist das ebenfalls aufwändiger und man kann sich fragen, was denn noch der Mehrwert seiner Dienstleistung darstellt.

Vorteil vor allem für Lieferanten

Für Lieferanten entsteht ein Mehrwert im Verhältnis zur Kreditkarte, denn der Lieferant erhält die Zahlung sofort. Im Verhältnis zur Debitkarte besteht für den Lieferanten aber kein Unterschied, da die Zahlung ebenfalls sofort ausgelöst wird. Für den Kunden besteht im Verhältnis zur Debitkarte kaum ein Unterschied, wenn er sich eines neuen Zahlungsauslösedienstleisters bedient, da er bei der einen wie anderen Zahlung einen Kontrollschritt, das heisst eine Codeeingabe, tätigen muss. Kommt hinzu, dass der Kunde neben der Bankbeziehung, die eine Debitkarte normalerweise mitbeinhaltet, noch eine vertragliche Beziehung zum Zahlungsauslösedienstleister begründen und unterhalten muss. Dieser Kampf der neuen Dienstleister mit den etablierten Banken ist in Europa hochaktuell, aber noch nicht final entschieden. Wie es zurzeit aussieht und wenn wir die Kostenseite weglassen, die unterschiedlich ausgestaltet werden kann, werden die Kreditkartenherausgeber stärker von den neuen Zahlungsauslösedienstleistern konkurrenziert als die Banken, die Debitkarten herausgeben.

Europaweit einheitliche Standards?

Entscheidend für das Geschäftsmodell eines neuen Zahlungsdienstleisters ist weiter, ob er mit einem europaweit vereinheitlichten Interface auf die Konten der Banken zugreifen kann oder nicht. Hier ist ebenfalls noch unklar, welchen technischen Standards die Interfaces der kontoführenden Banken genau zu entsprechen haben. Die „Berlin Group“, eine Arbeitsgruppe zur Standardisierung und Harmonisierung der Interoperabilität im Zahlungsverkehr, arbeitet zurzeit daran, paneuropäische Standards für ein Interface zu entwickeln. Dieses sollte gemäss PSD2 zuverlässig funktionieren, dauernd zugänglich sein und Ersatz für nicht funktionierende oder überlastete Interfaces zur Verfügung stellen. Eine Vernehmlassung des Spezifikationsentwurfs ist für den Frühsommer 2017 vorgesehen.   

Revolution auch für die Schweiz?

Für die Schweiz ist das nicht direkt relevant, da die PSD2 als europäische Direktive nicht anwendbar ist, schon gar nicht für reine Inlandzahlungen in Schweizer Währung. Die PSD2 entfaltet ihren Anwendungsbereich nur innerhalb des europäischen Wirtschaftsraums (EWR), nicht aber darüber hinaus. Das gilt auch für grenzüberschreitende Zahlungen vom EWR in die Schweiz und solchen von der Schweiz in den EWR-Raum, unabhängig davon, ob eine europäische Währung (Euro, Pfund, Kronen, etc.) oder eine nicht-europäische Währung (Dollar, etc.) involviert ist. Für den Teil der Zahlung, der geographisch im EWR-Raum liegt, sind europäische Zahlungsdienstleister allerdings an die PSD2 gebunden.

Die PSD2 entfaltet ihren Anwendungsbereich nur innerhalb des europäischen Wirtschaftsraums (EWR), nicht aber darüber hinaus.

Es ist in diesem Zusammenhang noch anzumerken, dass die Single European Payments Area (SEPA)  von der PSD2 nicht berührt wird. Das eine kann unabhängig vom  anderen bestehen. Aus den SEPA-Rulebooks ergibt sich, dass die Bestimmungen der PSD2 im Heimatland der SEPA-Teilnehmer keine Teilnahmevoraussetzung sind. Das ist auch der Grund, weshalb weder die Behörden noch die Schweizer Zahlungsverkehrsdienstleister zurzeit eine Notwendigkeit sehen, hier in unnötigen Aktivismus zu verfallen oder gar Regularien zu erlassen.

Da die Schweiz aber keine Zahlungsverkehrsinsel darstellt, ist auch klar, dass die Schweizer Zahlungsverkehrsdienstleister über kurz oder lang mit den neuen Zahlungsverkehrsdienstleistern der EU konfrontiert werden, sei das weil sie direkt von solchen angegangen werden, sei das weil ein Kunde einer Schweizer Bank das Zahlungsangebot des neuen Zahlungsauslösedienstleisters in der Schweiz oder im Ausland nutzen möchte oder ein bestimmter Lieferant nur noch eine solche Zahlungsart zulässt.  Es ist deshalb sicher nicht falsch, sich trotz Nichtanwendbarkeit der PSD2 in der Schweiz mit diesen Entwicklungen auseinanderzusetzen.

Martin Müller sagt
09.10.2017 15:52

Wie sieht es mit den Haftungsbedingungen aus? Haften dann die Dritten, wenn diese im Namen des Kunden Transaktionen auslösen? Sind die Banken ab dann von jeglicher Haftung ausgenommen, wenn der Kunde seine Zutrittsdaten zum Banking an Dritte weiter gibt?
Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass der Dritte automatisch mehr als nur den Kontosaldo sehen muss und Zahlungen initiieren kann. Technisch sollte es kein Problem darstellen, den Dritten nur auf ein zu definierendes Konto zugreifen zu lassen und den Rest über die zu entwickelnde Schnittstelle zu 'verstecken', resp. eben nur Zugriff auf das eine Konto zu geben.
Allerdings frage ich mich, wieso die Rechnungssteller schon heute einem 'Sofortzahlen' mehr Kredit geben als einer Kreditkarte oder einer Rechnung. Es wird in den meisten Fällen ja eine pendente Zahlung ausgelöst. Der Käufer kann nach dem Kauf in sein e-Banking gehen und dann die pendenten Zahlung mutieren oder löschen. Von daher ist das ein nicht nach zu vollziehender Vorteil für Dritte. Oder muss die Bank auch noch garantieren, dass solche Zahlungen vom Bankkunden nicht mehr verändert werden können?

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