SwissBanking
Das Online-Magazin der Schweizerischen Bankiervereinigung
2017/03/29 07:00:00 GMT+2

Sektionen

Message
“Pensionskassen sind zu zurückhaltend”

“Pensionskassen sind zu zurückhaltend”

Herbert J. Scheidt erklärt im Interview, wie Pensionskassen vom Wissen der Banken profitieren können.

Ein bislang zu wenig beachteter Aspekt in der Diskussion um die Altersreform 2020 ist der sogenannte 3. Beitragszahler. In einer Studie haben Asset-Management-Experten nun gezeigt, wie dieser 3. Beitragszahler gestärkt werden kann. Der Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg), Herbert J. Scheidt, erläutert den Beitrag, den Banken zur Stärkung der Altersvorsorge in der Schweiz leisten und äussert sich zur Bedeutung der Asset-Management-Industrie für den Finanzplatz und die Arbeit der Bankiervereinigung. 

insight: Warum beschäftigt sich die Bankiervereinigung mit der Altersvorsorge?

Herbert J. Scheidt: Das Thema Altersvorsorge bewegt, denn es betrifft jeden Einzelnen von uns. Die berufliche Vorsorge und insbesondere die Frage, mit welchen finanziellen Mitteln zukünftige Rentner ihren Lebensunterhalt bestreiten, sind aktueller denn je. In der Frühjahrssession von National- und Ständerrat war die Altersreform 2020 das politisch beherrschende Thema und es wird uns alle und die Politik noch weiter beschäftigen.

Wie bewerten Sie die Diskussion über die Altersvorsorge 2020?

Foto Herbert J. Scheidt
Herbert J. Scheidt, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung
Hinter der Altersreform steht ein Gesamtpaket des Bundesrats. Durch dieses Paket sollen AHV und Pensionskassen auch in Zukunft leistungsfähig arbeiten können. Aus diesem Grund wollen Bundesrat und Parlament beispielsweise die Erhöhung des Rentenalters oder die Senkung des Mindestumwandlungssatzes; Entscheide, die sicher wenig populär sind, angesichts der demographischen Entwicklung aber diskutiert werden müssen. Die politische Debatte ist vor allem auf Leistungskürzungen wie die Reduktion des Umwandlungssatzes, Erhöhung des Rentenalters und Beitragserhöhungen ausgerichtet. Damit wird ein ganz wesentlicher Aspekt ausgeblendet, nämlich der Leistungsbereich, das heisst die Sicherung der Altersvorsorge aus Sicht der zukünftigen Rentner. In unseren Mitgliedsinstituten haben wir ein breites und hochprofessionelles Expertenwissen, mit dem wir wichtige Denkanstösse in diesem Bereich geben können. Wir dürfen nicht nur über Leistungskürzungen reden, sondern wir müssen nach Massnahmen suchen, mit denen man einen positiven Beitrag zur Sicherung der Altersvorsoge leistet.

Welchen Aspekt sprechen Sie an?

Die Performancebeiträge aus der Verwaltung der anvertrauten Vermögen in der 2. Säule leisten einen erheblichen Anteil zur Finanzierung der Altersvorsorge. Deswegen nennen wir die Anlageerträge bei den Pensionskassen auch den 3. Beitragszahler, neben den zahlenden Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Diese Anlageerträge haben in der Vergangenheit knapp 40 Prozent des Vermögenszuwachses auf den Altersguthaben betragen. Sie waren damit die wichtigste Finanzierungsquelle in der 2. Säule, also höher als die Arbeitnehmerbeiträge und ebenfalls höher als die Beiträge der Arbeitgeber. In den letzten Jahren hat sich das Anlageumfeld jedoch fundamental verändert und es wäre fahrlässig, sich keine Gedanken darüber zu machen, mit welchen Anlagestrategien Pensionskassen ihren Beitrag zur Sicherung der Altersvorsorge auch in Zukunft leisten.

Hier kommen die Banken ins Spiel?

Ja. Wir haben in unseren Banken zahlreiche Asset-Management-Experten, die unter ihren Kunden zahlreiche Pensionskassen haben. Sie kennen also das Anlageverhalten und die Pensionskassen-Praxis bestens. Aus diesem Grund haben wir im letzten Jahr begonnen, die Situation unter Beizug solcher Experten vertieft zu analysieren. Unter der Federführung von Iwan Deplazes, Leiter Asset Management der Zürcher Kantonalbank und Präsident der Plattform Asset Management, ist daraus die Studie „Der 3. Beitragszahler der beruflichen Vorsorge – Impulse zur Optimierung“ entstanden. Die Studie hat überraschend klare Befunde zu Tage gebracht, die wir dann an einer Medienkonferenz Anfang Februar 2017 der Öffentlichkeit vorgestellt haben und ich höre, dass sie bei einem ganz breiten Adressatenkreis auf hohe Aufmerksamkeit stösst. Das umfasst Politiker, die Presse, aber auch die Pensionskassen selbst. Und wir haben eine Botschaft, die aus dem Blickwinkel unserer Pensionäre sehr erfreulich ist. Etwas vereinfacht lautet diese Botschaft: Bei gleichem Risiko könnten Pensionskassen höhere Vermögenserträge erwirtschaften, wenn sie ihr Anlageverhalten dem veränderten Anlageumfeld besser anpassen würden. Das ist ein Thema, das sicherlich auch unsere insight-Leser interessiert. Damit sie sich ein besseres Bild machen können, enthält diese Ausgabe eine ausführliche Präsentation der Ergebnisse der Studie.

Sie erwähnen das Asset Management. Es war sicher kein Zufall, dass die SBVg an der Studie über den 3. Beitragszahler mitgewirkt hat.

Richtig, das Asset Management ist heute bereits eine wichtige Säule des Finanzplatzes und damit auch in der Arbeit der Bankiervereinigung. Wir kümmern uns nicht nur um einen Viertel der weltweit grenzüberschreitend verwalteten Privatvermögen. Auch das Asset Management hat eine im europäischen Vergleich überdurchschnittliche Grösse. Wir verwalten über CHF 2 Billionen Vermögen in diesem Bereich. Damit haben wir in Europa einen Spitzenplatz. In der Schweiz ist dies jedoch noch zu wenig in der breiten Öffentlichkeit, der Politik, aber auch innerhalb der Finanzgemeinde bewusst. Dieses Bewusstsein müssen wir stärken und die Anliegen der Asset-Management-Industrie stärker in den Vordergrund stellen. Asset Management ist ein Wachstumsbereich. Consultants gehen davon aus, dass dieser Bereich global bis 2020 pro Jahr rund sechs Prozent wachsen wird. Das ist weit über dem Durchschnitt der Industrie und wir wollen von diesem Wachstum für den Finanzplatz Schweiz und die Schweiz insgesamt profitieren.

Welche Fortschritte haben Sie bereits erzielt?

Eine erste Massnahme auf diesem Weg bestand darin, dass wir innerhalb der Bankiervereinigung den sogenannten Steuerungsausschuss Asset Management ins Leben gerufen haben. Dieser Ausschuss ist mit hochrangigen Mitgliedern aus den Asset-Management-Bereichen unserer Mitgliedbanken besetzt. Damit schaffen wir ein Bewusstsein für die wichtigen Anliegen des Asset Managements in der Schweiz und lassen diese in die Arbeit der Bankiervereinigung für eine effektive Interessenvertretung einfliessen. In einem zweiten Schritt haben wir gemeinsam mit der Swiss Funds and Asset Management Association (SFAMA) die Asset-Management-Plattform gegründet. In ihr bündeln wir verbandsübergreifend wichtige Anliegen der gesamten Asset-Management-Industrie in der Schweiz. Dabei handelt es sich um Anliegen zum weiteren Ausbau des internationalen Geschäfts. Und wir wollen natürlich auch sicherstellen, dass in der Schweiz weiterhin qualitativ hochwertige Asset-Management-Dienstleistungen erbracht werden.

Das betrifft auch die Altersvorsorge?

Genau. Das technische Know-how zur Stärkung des 3. Beitragszahlers ist in der Schweiz vorhanden. Neben den grossen globalen Asset-Management-Firmen sind die Banken in der Schweiz die grössten Asset Manager. Pensionskassen wiederum sind wichtige Asset-Management-Kunden, die aber gegenüber bestimmten Anlageformen noch zu zurückhaltend sind. Hier leisten wir wichtige Denkanstösse, die schlussendlich allen zugute kommen, die in die 2. Säule einzahlen.

Wie will die SBVg konkret ein Umdenken erreichen?

Einerseits mit der erwähnten Studie. Sie liefert wichtige Denkanstösse für die Öffentlichkeit, unsere Industrie und die Politik. Nun müssen wir die notwendige Feldarbeit leisten, das heisst unsere Überlegungen erklären, vertiefen und damit auf inhaltlicher Ebene überzeugen. Bereits im letzten Herbst haben SFAMA und die SBVg anlässlich eines ersten Spitzentreffens mit den Bundesräten Alain Berset und Johann Schneider-Ammann erste Überlegungen zur Thematik präsentiert, welche in einem von beiden Bundesräten mitunterzeichneten Memorandum festgehalten wurden. Auch diesen Weg wollen wir weiterverfolgen.