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Draussen ist nur noch das Weltall
2017/07/06 07:30:00 GMT+2

Draussen ist nur noch das Weltall

Am Beispiel der Schweizer Banken lässt sich zeigen, wie nachteilig Protektionismus wirkt. Sindy Schmiegel wünscht sich mehr Mut, eine offene Welt zuzulassen.

Am 7. und 8. Juli kommt die politische Weltelite am G20-Gipfel in Hamburg zusammen, um über die Lage der Weltwirtschaft zu diskutieren, Strukturreformen voranzutreiben und die Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaften zu fördern. Präsent sein werden auch die Gipfelgegner, die im informellen G20-Gremium Repräsentanten von Kapitalismus, Hunger und Tod sehen. Doch die wirtschaftliche Zusammenarbeit hat in den letzten Jahrzehnten weltweit zu einer enormen Verbesserung des Lebensstandards geführt, so die BIZ in ihrem jüngsten Jahresbericht. Wäre es angesichts dieser Tatsache nicht nur folgerichtig, der Internationalisierung von Real- und Finanzwirtschaft nicht im Weg zu stehen und so für mehr Wohlstand weltweit zu sorgen?

Chance Globalisierung

Das Gegenteil scheint der Fall. In Zeiten von „America first“, Brexit und neonationalistischen Tendenzen in Osteuropa gewinnen Protektionismus und Marktfragmentierung an Boden. Der Spiegel diagnostiziert im G20-Vorfeld sogar einen „antiliberalen Zeitgeist“. Die BIZ ist über die aktuellen Abschottungstendenzen so beunruhigt, dass sie den Errungenschaften der Globalisierung in ihrem Jahresbericht ein eigenes Kapitel widmet. „Die Globalisierung - genau wie der technologische Fortschritt - stellt eine unschätzbare gemeinsame Ressource dar, die enorme Chancen bietet. Nun gilt es sicherzustellen, dass sie auch als Ressource wahrgenommen wird, nicht als Hindernis, und dass ihre Chancen genutzt werden,“ so der Bericht. Anders gesagt: Der technologische Fortschritt soll und kann nicht aufgehalten werden, Gleiches gilt auch für die weltwirtschaftliche Integration.

Fragmentierter Markt im Banking

Wie nachteilig sich Marktfragmentierung konkret auswirkt, lässt sich gut am Schweizer Finanzplatz zeigen. Die Schweizer Banken sind Weltmarktführer in grenzüberschreitender Vermögensverwaltung. Fast ein Viertel aller Vermögen, die Kunden nicht im Heimatland halten, liegt in der Schweiz. Grenzüberschreitend funktioniert aber nur, wenn Banken das Recht haben, aus der Schweiz heraus in anderen Ländern Kunden zu bedienen. EU-Regulierungen wie zum Beispiel MiFID II oder die Richtlinie zur Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt haben ausgrenzenden Charakter gegenüber Drittstaaten. Einzelne Länder erlauben es nicht einmal, einen Kunden aus der Schweiz heraus anzurufen, wenn dieser nicht um einen Anruf gebeten hat. Die Schweizer Banken haben deshalb Mühe, im wichtigsten Auslandsmarkt Kunden zu bedienen. Koinzidenz oder nicht: Im vergangenen Jahr haben die Banken mehr Arbeitsplätze im EU-Ausland geschaffen als in der Schweiz.

Weltweit online

Eine gegenläufige Tendenz wird durch die Digitalisierung befeuert: Dank Online-Handel lassen sich Dinge aus aller Herren Länder kaufen, Techgiganten aus den USA und aus China dringen immer tiefer in unseren Alltag vor (wo zum Beispiel fasst dieser genauso instruktive wie unterhaltsame Vortrag von Henri Arslanian zusammen), Finanzierungen für KMU sind via Crowdfunding grenzenlos möglich. Wirtschaftliche Realitäten und politischer Wille scheinen also auseinanderzudriften. Ich würde diejenigen, die die Abschottung begünstigen, gerne fragen, ob sie bereit wären, auf den Fortschritt in einer vernetzten, arbeitsteiligen Welt zu verzichten. Natürlich ist meine Präferenz für Offenheit und Internationalisierung davon geprägt, dass ich zumindest aktuell auf der Gewinnerseite der Globalisierung stehe („Gewinnerseite“ sagend erkenne ich an, dass es auch weniger Begünstigte gibt). Gleiches wird aber auch die Frau in Indien sagen, die heute auch als Analphabetin Zugang zu Bankdienstleistungen hat, der Kenianer, der sein lokales Business mit Hilfe seines Mobiltelefons betreibt oder die Kooperative aus Peru, die ihre Kleidungsstücke weltweit verkaufen kann. Erst im Frühling 2017 hat die Gruppe der B7, der Business Organisation der G7, in einer gemeinsamen Erklärung dazu aufgerufen, den Welthandel nicht durch zusätzliche Schranken zu hemmen. Das International Monetary and Financial Committee des Internationalen Währungsfonds jedoch hat sich bedauerlicherweise dagegen entschieden, im Abschlusscommuniqué der diesjährigen Frühjahrstagung auf die negativen Auswirkungen von Protektionismus hinzuweisen; vielleicht haben sich hier die Befürworter von „my country first“ durchgesetzt.

Die Welt besteht längst nicht mehr aus isolierten Nationalstaaten, und genauso wenig lassen sich die realwirtschaftliche und finanzwirtschaftliche Verflechtung voneinander trennen. Die BIZ hat recht: Die Globalisierung ist eine grosse Chance. Machen wir das Beste draus und haben wir keine Angst vor der Konkurrenz aus dem Draussen, das es längst nicht mehr gibt. Die Schweiz spielt dabei eine wichtige Rolle: zum einen als Vorbild für erfolgreiche Wirtschaftsliberalität, zum anderen aber auch als Einflussnehmerin in den Gremien, in denen internationale Standards gesetzt werden. Am G20-Gipfel besteht die nächste Gelegenheit dazu, denn die Schweiz ist als Gast bei einem Finanzminister-Treffen dabei.

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