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Homogene Wirtschaftsgemeinschaften sind eine Illusion

Erstellt am 25.10.2012 von Raphael Vannoni, Leiter Economic Analysis

Vor kurzem war ich geschäftlich in Mailand. Angesichts der vielen negativen Meldungen über die wirtschaftliche Lage Italiens hätte ich eigentlich erwartet, dass diese Metropole nicht mehr so boomt wie auch schon. Doch weit gefehlt. Ein geschäftiges Treiben war in der Stadt zu spüren und auch abends waren viele Mailänder beim „Aperitivo“ anzutreffen.

Doch auf was möchte ich hinaus? Oft hört man, dass die Eurozone kein optimaler Währungsraum darstelle. Auch ich bin grundsätzlich dieser Meinung. Doch ein ökonomisch homogener Staat oder eine Gemeinschaft – und damit ein optimaler Währungsraum – existiert nur in Lehrbüchern. In einem Zusammenschluss von Kantonen, Bundesländern oder auch Staaten gibt es immer strukturstärkere und entsprechend strukturschwächere Regionen.

Wenn ich nun die Daten der italienischen Statistikbehörde analysiere, sehe ich, dass die ärmsten Regionen in Süditalien (Sizilien, Kampanien, Kalabrien) ein etwa halb so grosses Bruttoinlandprodukt pro Kopf aufweisen wie die reicheren Regionen in Norditalien (Bozen, Aosta-Tal, Trentino, Lombardei). Aber nicht nur in Italien ist dies der Fall. Auch bei einem Blick auf deutsche Statistiken stellt sich heraus, dass der Faktor zwischen den reichsten und ärmsten Bundesländern bei 1:2 liegt.

Erstaunlicherweise ist bei einem Vergleich zwischen Deutschland und Griechenland die Differenz des pro-Kopf Einkommens gar geringer. Was lässt sich daraus schliessen?

Ob die Gemeinschaft jetzt Italien, die Schweiz oder die Europäische Union ist, es existieren immer regionale Disparitäten – zumindest in der kurzen und mittleren Frist. Dieser Tatsache gilt es nun in der europäischen Währungsunion Rechnung zu tragen. Da nicht zu erwarten ist, dass die Marktmechanismen diese Disparitäten vollständig ausgleichen werden, sind flankierende Massnahmen zu ergreifen. In der Schweiz beispielsweise geschieht dieser Ausgleich, verbunden mit einer Aufgabenteilung, mehr oder weniger erfolgreich durch die sogenannte „Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung“ (NFA).

Unter der Voraussetzung der Gemeinschaftsgedanke möchte weiterverfolgt werden, appelliere ich ein weiteres Mal an die europäischen Politiker, Massnahmen zu ergreifen, die ein gemeinsames Europa stärken und ein gemeinsames Weiterkommen ermöglichen. Nicht eine pauschale Umverteilung sollte das Ziel sein, sondern ein Ausgleich unter – dieses Mal konsequenten – Auflagen zwischen den Staaten, die einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften und den Defizitländern. Nur mit konkreten politischen Taten kann die Staatsschuldenkrise gemeinsam gelöst werden – ohne ESM, EFSF oder sonstigen Akronymen.

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