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Italien und der Euro – eine gefährliche Kombination
Erstellt am 26.07.2012 von Vannoni Raphael, Ehemaliger Leiter Economic Analysis

Wer in Google nach „faul“ und „Südländer“ sucht, findet rund 240‘000 Ergebnisse. Doch was ist an dieser immer wieder gehörten Aussage dran? Geht es gewissen Staaten tatsächlich schlecht, weil sie faul sind oder liegt die Ursache in anderen Faktoren begründet?

Als italienischer Staatsbürger habe ich einen zugegebenermassen einen etwas patriotischen Blogbeitrag verfasst. Anhand einer Kurzanalyse möchte ich die Auswirkungen der Euro-Einführung auf die italienische Volkswirtschaft darlegen.

Der in vielen Staaten verwendete Begriff „Teuro“ hat im Kontext mit Italien seine Richtigkeit, denn für die Bürger wurden viele Produkte und Dienstleistungen ausserordentlich teuer (vgl. dazu ein Artikel aus der NZZ). Neben sicherlich auch anderen – teils strukturellen Problemen in Italien – war der Euro meines Erachtens einer der Faktoren, der die italienische Volkswirtschaft an den Rand des Ruins gebracht hat.

Entgegen anderen Beispielen der PIIGS-Staaten profitierte Italien nicht in diesem Masse von tieferen Finanzierungskonditionen durch die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung. Zwar sanken die Renditen auch für die italienischen 10-jährigen Staatsanleihen von 1995 bis 2002 massiv, doch die Staatsverschuldung nahm nach Einführung des Euro nicht zu, sondern sank sogar leicht, wie in untenstehender Grafik ersichtlich ist.

Während dem Zeitraum von 1971 bis 1998 stieg das reale pro-Kopf Einkommen um durchschnittlich 2.4 Prozent pro Jahr. Nach Einführung des Euro als Buchgeld im Jahre 1999 stagnierte dieses im Zeitraum von 1999 bis 2009 (+0.1%). Ohne Berücksichtigung der beiden Krisenjahre 2008 und 2009 beträgt das jahresdurchschnittliche Wachstum in diesem Zeitraum bescheidene 1.0 Prozent. Diese Tatsache kann in drei Faktoren begründet sein:

  1. Durch eine angestiegene Inflation: Da die durchschnittliche jährliche Inflation im Zeitraum von 1971 bis 1998 mit 9.6% über sieben Prozentpunkte höher lag als von 1999 bis 2009 kann die erhöhte Inflation als Ursache ausgeschlossen werden.
  2. Durch eine angestiegene Bevölkerung: In der Tat ist das Bevölkerungswachstum ab 1999 stärker angestiegen als zwischen 1971 bis 1998 (+0.5% vs. +0.05%). Insofern kann dies einen Teil des geringeren Wachstums des realen pro-Kopf Einkommens erklären.
  3. Durch ein weniger stark gestiegenes Bruttoinlandprodukt: Im Zeitraum von 1971 bis 1998 wuchs das reale BIP mit einer jährlichen Wachstumsrate von 2.4%. Nach Einführung des Euro als Buchgeld bis 2009 betrug das Wachstum nur noch 0.12%. Aufgrund der grossen Differenz kann ein grosser Teil des geringeren Wachstums auf diesen Faktor zurückgeführt werden.

Somit lässt sich das geringere Wohlstandswachstum nach Einführung des Euro durch zwei Faktoren erklären. Erstens durch das gestiegene Bevölkerungswachstum und zweitens durch ein geringeres Wachstum des realen BIP. Ich wage deshalb die folgende These aufzustellen: Die Einführung des Euro hat der italienischen Volkswirtschaft keinen zusätzlichen Wohlstand gebracht, sondern eher geschadet. Insbesondere deren Bürger leiden unter dem stagnierenden pro-Kopf Einkommen. Wenn nun also von „faulen Südländern“ gesprochen wird, bedarf dies einer doch etwas differenzierteren Sichtweise.

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Vannoni Raphael
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