www.swissbanking.org
Schweizerische Bankiervereinigung
DE | EN | FR | IT
SwissBanking – unblogged » SwissBanking – unblogged
Eurokrise - Im Westen nichts Neues
Erstellt am 04.07.2012 von Vannoni Raphael, Leiter Economic Analysis

Im Westen nichts Neues ist ein Roman, der vom 1. Weltkrieg handelt. Glücklicherweise befinden wir uns nicht im Krieg, aber der Titel hat dennoch aktuell Bedeutung. Erstens stellen die Ergebnisse des letzten EU-Gipfels keine neuen Ergebnisse dar und zweitens haben wir kriegsähnliche Zustände auf den Finanzmärkten. Zwar haben sich die Finanzmärkte nach dem EU-Gipfel beruhigt, doch scheint es mir eher ein temporärer Waffenstillstand als die definitiven Friedensverhandlungen zu sein.

Im Vorfeld des Treffens der Ministerpräsidenten wurden einige Massnahmen zur Minderung der Krise vorgeschlagen. Darunter waren die Gründung einer Banken- und Fiskalunion, die Emission von Eurobonds oder das Schnüren eines Wachstumspakets in der Höhe von 120 Milliarden Euro. Die meisten Massnahmen wurden bereits bei anderen Gelegenheiten diskutiert und waren demzufolge keine Überraschungen.

Was mir neu und vor allem sinnvoll erscheint, ist die Tatsache, dass Forderungen der Europartner (bspw. EZB oder ESM) keinen Vorrang mehr geniessen. Dieser Vorrang war beim Haircut Griechenlands insbesondere von den privaten Gläubigern kritisiert worden. Dies kann dazu führen, dass Anleger, deren Guthaben nicht nachrangig sind, eher wieder bereit sind, in diese Werte zu investieren und somit die Zinsen für Staatsanleihen zu reduzieren. So fielen beispielsweise die Renditen für italienische Staatsanleihen am 29. Juni wieder auf unter 6%.

Auszug aus der Erklärung des EU-Gipfels:
„[...]Wir bekräftigen, dass die finanzielle Unterstützung über die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) bereitgestellt wird, bis der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) zur Verfügung steht, und dass sie dann auf den ESM übertragen wird, ohne den Status der Vorrangigkeit zu erhalten.“

Ob eine solch kleine Änderung allerdings die brodelnde Staatsschuldenkrise in der Eurozone löschen mag, bezweifle ich sehr. In Kürze wissen wir aber mehr. Die Beschlüsse sollen bereits bis am 9. Juli 2012 von der Euro-Gruppe umgesetzt werden. Bereits jetzt haben aber Finnland und die Niederlande bekanntgegeben, die Beschlüsse blockieren zu wollen. Das Veto richtet sich in erster Linie gegen Staatsanleihenkäufe verschuldeter Euro-Staaten durch den ESM. Deshalb bleibe ich bei meiner Aussage: „Im Westen nichts Neues“. Ob nun der Bremser Finnland, die Niederlande oder Deutschland ist.

Teilen Sie diese Meinung?

Ja
Nein

Vannoni Raphael
Leiter Economic Analysis



Kommentar schreiben


Ich habe die Regeln gelesen und erkläre mich einverstanden.

Die SBVg behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen (ausser Französisch, Englisch und Italienisch). Kommentare mit Pseudonymen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht.



Raphael Vannoni
6.7.2012
und hier noch eine interessante Wochenendlektüre
Lucas Metzger
5.7.2012
Unkonvetionelle Lösungen? Das läuft auf noch mehr Quantitative Easing hinaus (im Volk Gelddrucken genannt). Die Folgen? Keiner weiss es. Vielleicht funktionierts, wenn nicht, stürzen wir ab in massive Stagflation oder aber heftige Deflation. Auf alle Fälle steigen die Risiken mit jedem weiteren hinausschieben des Problems des weltweiten, riesigen Wachstums der gesamten Schulden, resp. Forderungen.
Raphael Vannoni
4.7.2012
Dies stimmt unter ökonomischen Gesichtspunkten absolut. Doch schwierige Zeiten brauchen unkonventionelle Lösungen. Schlussendlich wird sowieso der Steuerzahler für einen Teil der Schulden aufkommen müssen. Je länger man allerdings eine Lösung vor sich her schiebt, desto höher werden die Kosten für die Lösung des Problems. Deshalb plädiere ich dafür, dass ein klares Bekenntnis für die Beibehaltung der Währungsunion erfolgt - sofern eine einheitliche Währung überhaupt noch gewünscht ist. Zudem haben die Niederlande und insbesondere Deutschland bereits bei Einführung des Euro die "Maastrichter-Kriterien" verletzt. Damit will ich nicht sagen, dass ich notorische Budgetdefizitsünder gutheisse. Aber in gewissen Zeiten mag dies sehr wohl Sinn machen. Übrigens: Eine gute (schweizerische) Massnahme hat Deutschland mit der Schuldenbremse eingeführt. Eine solche ist auch im europäischen Fiskalpakt enthalten.
Lucas Metzger
4.7.2012
Ich finde die Aufgabe der Vorrangigkeit des ESM nicht positiv. Das führt zu einer weiteren Vergemeinschaftung der Schulden einzelner EU-Länder zu Lasten der Nettozahler D, NL, SF. Damit wird das No-Bail-Out Prinzip des Mastrichtvertrags noch weiter ausgehölt. Eurobonds wären die vollständige Aufgabe der Maastricht-Prinzipien, welche den Euro überhaupt ermöglichten.